Die Liebenden

Der Geschichtenerzähler sitzt in seiner Kammer, ganz allein mit seiner Feder und seinem Tintenfaß. Während der Entstehung dieser verwickelten Zeilen, blitzt und donnert es draußen gewaltig. Der Regen peitscht ohne Unterlaß an die Scheibe seines Raumes, doch weiß er sich als geschützt. Das Ziel seines Schaffens besteht vor allem darin, der Nachwelt folgende Geschichte zu erzählen. Dabei ist er sich der Tragweite durchaus klar, sogar einschließlich etwaiger Verfälschungen. Schon bereits jeder einzelne Buchstabe vermag zu töten, der Geist aber hingegen erschafft Leben. Mit jedem Wort lassen sich die Dinge zerreden, mit jedem Versprechen werden Sachen zerschwört. Um diesem Ausmaß des Schreckens entgehen zu können, verfährt er mit Bedachtsamkeit. Die Liebe sei ein viel zu kostbares Gut, um es überhaupt der Herrschaft der Vernunft auszusetzen. Die Geschichte widmet er all den offenen Menschen, die es heutzutage verstehen zu lieben.

Es begab sich zu der Zeit, da ein vernichtender Sturm über weite Teile des Landes hinwegfegte. Sich selbst für kurze Dauer vor die Tür zu begeben, stellte unleugbar eine große Gefahr dar. Bei diesem unwirtlichen Wetter, mußte ein Briefträger trotz allem seiner Arbeit nachgehen. Der von ihm abzuliefernde Brief glich, der sich nur allzu selten erfüllenden Hoffnung in der Liebe. Auch wenn er sich seiner Pflicht bewußt war, so spielte ihm das Schicksal diesmal einen Streich. Es trat ein folgenschwerer Zufall ein, sodaß der Brief niemals beim Empfänger ankommen sollte. Just in dem Augenblick der Bote die Post abliefern wollte, wurde ihm dieselbe vom Wind entrissen. Er bemühte sich den Ausreißer einzuholen, jedoch war all sein Streben und Trachten vergeblich. Der betreffende Umschlag entging ihm lediglich um Haaresbreite, und er ward nicht mehr gesehen. Als guter Beobachter hätte man gewiß bemerken können, wo sich das Schriftstück verfangen sollte.

Der Brief segelte wie schwerelos durch die Lüfte, zog unaufhörlich seine nicht festgelegte Bahn. Zwischenzeitlich blieb er an Gebüschen hängen, wurde aber vom Wind wieder fortgetragen. Letztendlich beschrieb er noch einige Kurven, um dann in einem Hauseingang liegenzubleiben. Dort lag er viele Stunden lang völlig unbeachtet, bis ein junges Mädchen ihn tatsächlich finden sollte. Sie war dermaßen von Schönheit gesegnet, sodaß die graue Welt in neuen Farben erstrahlte. Sie hatte engelsgleiches Haar und einen durchdringenden Blick, zudem zierte ein Grübchen ihr Kinn. Nachdem sie aus Versehen auf den Umschlag trat, erweckte ein knisterndes Geräusch ihre Neugier. Sie entdeckte ihn und hob in sogleich auf, ihn nachdenklich in ihren Händen drehend und wendend. Aufgrund einsetzenden Regens verschwand die Adresse, wobei sie den Absender retten konnte. Der Inhalt des Briefes machte sie neugierig auf den Schreiber, auf daß sie ihm antworten wollte.

Wenige Tage später erhielt dieser ihre unverhoffte Antwort, mit der sie ihn ja in Erstaunen versetzte. Der eigentliche Anlaß seines Briefes geriet in Vergessenheit, die Erinnerung an ihn verblaßte schnell. Er war sich sicher, daß jetzt also ein neues Zeitalter von Glückseligkeit und Leiden anbrechen würde.Auch wenn er nie zuvor von ihr wußte, bewirkte sie in seinem Leben eine Umwälzende Veränderung. Fortan war er in Gedanken und Gefühlen zu ihr versunken, er fristete sein Dasein ihr zuliebe. Es sei gestattet ein paar Worte über ihn zu verlieren, auch wenn seine Beschreibung schwierig ist. Jede das Mitleid anderer erregende Äußerung über ihn, würde er sich nämlich schlichtweg verbieten. Daher sei hier lediglich soviel gesagt, daß er von einem körperlichen Gebrechen eingeschränkt war. Trotz allem hatte er etwas Verehrungswürdiges und Erhabenes an sich, was er stets leugnete. In seinen düstersten Stunden, kam sie ihm als die Schöne und er sich als ein häßliches Biest vor.

Seit dem Tag das Schicksal seinen Lauf nahm, tauschten die beiden unzählige Zeilen aus. Aus unerfindlichen Gründen fühlten sie sich füreinander bestimmt, sei es gar durch göttliche Fügung. Wann immer sie etwas voneinander hörten, wurden sie vom Glück als seine Gefangenen genommen. Mitunter hüllten sich beide jedoch in längeres Schweigen, was sie in das Tal der Tränen führte. Sie ertappten sich zudem bei Handlungen, die ausschließlich Liebende an den Tag legen würden. Ohne eigentlich jemals ein Bildnis der Liebsten gesehen zu haben, sollte er alsbald von ihr träumen. Wie deutlich seine Vorstellung von ihr gewesen war, stellte er nach einigen Verzögerungen fest. Zu seiner übermäßigen Freude übersandte sie ein Porträt, daß seinen Traumgebilden glich. Wieviel Zeit er zur Betrachtung des Fotos ihrerselbst aufbringen würde, war ihm ein Rätsel. Beizeiten bedurfte er nicht mehr der bildlichen Ansicht, da sie sich in seine Seele gebrannt hatte.

Der geneigte Leser mag sich fragen, ob ihnen eine persönliche Begegnung vergönnt gewesen ist. Aber das bleibt abzuwarten, zunächst einige Bemerkungen über den Umfang ihrer Liebe. Sie waren unsterblich verliebt, und zwar von ganzem Herzen und auch aus tiefster Seele. Sie taten einen Schwur, sich immerdar von nichts und niemandem auseinander bringen zu lassen. Die beiden Liebenden fühlten sehr wohl, daß das Schicksal es meistens überaus gut mit ihnen meinte. Sie nahmen es durchweg gelassen auf, daß sie ihren Weg von nun an gemeinsam gehen würden. Zwar gab es anfänglich immer wieder gewisse Zeitpunkte, wo sie der Zweifel quälen sollte. Besonders zu nachtschlafender Zeit wälzten sie sich in den Laken, über den Geliebten nachsinnend. Es verlangte sie nach dem Mann ihrer vielen schlaflosen Nächte, dem sie sich weihte. In unendlich wiederkehrenden Träumen, bewahrheitete sich das liebevollste Angedenken ihrer.

Zu erwähnen wäre noch, daß sie ja kaum etwas voneinander wußten außer daß sie sich liebten. Aber die Liebe beider war bedingungslos, sie befanden sich jenseits der Möglichkeit zur Umkehr. Die gegenseitig gehegte Zuneigung, führte zu einem ersten vertraulichen Gespräch zwischen ihnen. Auch wenn sie sich nicht gegenübersaßen, so war das Telefon das Sprachrohr ihrer Liebe. Bei diesen guten Gelegenheiten schmiedeten sie großartige Pläne, deren Ausführung oft ausblieb. Die Vorbereitungen eines Besuches wurden immer wieder vereitelt, was höherer Gewalt ähnelte. Nichtsdestotrotz ließen sie sich nicht zurückwerfen, sondern ihre Liebe steigerte sich vielmehr. Beide weilten in der Ferne und waren sich trotz allem so nah, Entfernung spielte keine Rolle. Viele Male erwogen sie, ob eine Trennung voneinander nicht die erhoffte Heilung bringen würde. Jedoch kamen sie zu dem Schluß, daß dies dann sicherlich ihrem Todesurteil gleichkommen müßte.

Nachdem die Liebenden viele Tränen vergossen, tauchte ein Hoffnungsschimmer am Himmel auf. Sie setzten alles daran sich endlich in die Arme schließen zu können, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie hatten die besten Absichten füreinander, die nähere Zukunft sah licht und hell aus. Die Erfüllung sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen, dachten sie jedenfalls vorerst. Aber es kam wie so oft ganz anders als gedacht, die Vorfreude wich plötzlich der Ernüchterung. Denn der Zufall erzeigte sich abermals als Feind, auf daß nichts aus der Begegnung werden sollte. Der Huldvollen Liebe galt weiterhin ihm, auch wenn schwere Kümmernisse sie von ihm fernhielten. Indes war sein Gesicht von bitterer Enttäuschung gezeichnet, er war Verzweiflungstaten nahe. Es war nur ihre Liebe um jeden Preis, die ihn davon abhielt sich körperliche Gewalt anzutun. Sie blieb sein Ein und Alles, obwohl in seinem Herzen eine lebensgefährliche Wunde klaffte.

Das Leben des Geliebten gestaltete sich fortlaufend eintöniger als früher, die Leere peinigte ihn. Im Laufe der Zeit schloß sich die Wunde seines Herzens, er war ja auf dem Wege der Genesung. Noch immer gegen die Widrigkeiten des Lebens ankämpfend, wartete er gelassen auf die Zukunft. Sich lediglich auf ihre Liebe verlassend, vergingen so manche Tage und Nächte seines Lebens. In ziemlich dumpfer Stimmung empfing er dann einen Brief von seinem Schatz, von wem auch sonst. Auf einen Schlag lösten sich seine Sorgen in Wohlgefallen auf, denn was sie schrieb war ermutigend. Sie sollten sich jetzt endlich sehen, und zwar schon nach einer kurzen Frist von einer Woche. Im Taumel der Liebe rief er sie an, um diese Nachricht mit gemeinsamen Freudentränen zu begießen. Er wollte ihr beiderseitiges Glück nicht durch ein Versprechen gefährden, auf daß er schwieg. Und er tat äußerst gut daran, denn auch ohne sein Hinzutun trat alles nach Plan ein.

Wer jedoch den weiten Weg auf sich nahm, dieses Geheimnis behielten die Liebenden stets für sich. Es lassen sich nicht einmal ungefähre Mitteilungen machen, wie das Treffen genau vonstatten ging. Mutmaßlich lösten sie wechselseitig Versprechungen ein, die zwischen ihnen als Bestätigung galten. Es war bestimmt nicht leicht die entbehrungsreichen Monate zu vergessen, jedenfalls nicht fürs Erste. Es bedurfte zunächst sicher vorsichtiger Annäherung, um das Vorhandensein begreifen zu können. Nachdem sie sich des jeweils anderen bewußt wurden, kam es zur Erfüllung langgehegter Wünsche. Sie lebten für kurze Dauer von nichts außer Luft und ihrer Liebe, und hatten alles was sie brauchten. Sie wußten allerdings trotzdem, daß in Bälde auch wieder ein Abschied ins Haus stand. Mit dem unschätzbaren Unterschied, daß sie diesmal von ihrer Erinnerung zehren könnten. Sie bedurften keinerlei Versicherungen ihrer Treue, denn zwischen ihnen stand festes Vertrauen.

Manch aufmerksamer Leser mag sich verwundern, warum sie wieder Abschied nehmen mußten. Selbst außerhalb der Liebe gibt es ungeschriebene Gesetze, derer man verpflichtet ist. Daher einigten sich die Liebenden darauf, erst einmal den inneren Geboten nachzukommen. Sobald sie ihrer Aufgaben endlich ledig sein würden, wollten sie ein neues Leben anfangen. Über diesen Vorsatz wurde lediglich bekannt, daß er alsbald in die Tat umgesetzt wurde. An welchem Ort sie letztlich miteinander in Eintracht leben sollten, wußten nur engste Vertraute. Auf jeden Fall lebten sie wahrlich als Mann und Frau, es wurde ihnen ewiglich Glück zuteil. So fügten sie sich dem Schicksal, das ihnen zu Beginn viele gottverdammte Prüfungen auferlegte. Sie waren sich einig, daß ihnen der gemeinsame Weg schon seit Urzeiten vorgezeichnet war. Die Liebenden waren am Ziel all ihrer Träume, es sollte ihnen nie wieder an etwas mangeln.

Es waren also irgendwann einmal ein Mann und eine Frau, die sich beide bis in alle Ewigkeit liebten. Und wenn sie nicht schon gestorben sein sollten, so lieben sie sich bestimmt auch noch heute. Nachdem also nun auch das Ende erzählt ist, bleibt der Leser mit Gedanken und Gefühlen zurück. Ein jeder mag entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt sein, wie dem auch sei. Wohl dem der die Liebe nicht suchen wird, sondern vielmehr auf die große Göttin vertrauend wartet. Es ist immer noch besser all sein Herzblut auf Liebe zu verwenden, als Leben zu verschwenden. Man muß aber bedenken, daß dieses Gebaren unweigerlich zu tief empfundenen Leiden führen wird. Allerdings kann man dann in dem Bewußtsein sterben, wenigstens einmal richtig geliebt zu haben. Alle Ähnlichkeiten mit wirklich vorhandenen Personen, sind mehr beabsichtigt als frei erfunden. Womöglich könnte von jenen ein Widerruf gefordert werden, dem aber nicht Folge geleistet würde.


© 2000 - Nico S. Hansen