Blick in den Spiegel.

Ein Schauspieler einer täglichen Seifenoper war gerade auf dem Weg zu seinem Drehort. Getrieben von einer ausgeprägten Eitelkeit schaute er, wie üblich, noch rasch in den Spiegel im Flur und erschrak. Seine sonst so ebenen, wohlgepflegten und dem überwiegend weiblichen Fernsehpublikum so bestens vertrauten, straffgezogenen Gesichtszüge entgleisten. Er glaubte seinen Augen beim besten Willen nicht mehr trauen zu können. Anfänglich noch sehr ängstlich und behutsam betrachtete er zunächst seine kurzgeschnittenen und ordentlich frisierten Haare. Zunehmend verunsichert streifte er daran anschließend mit seinen Blicken über alle Partien in seinem, ihm auf einem Male so fremd gewordenen Gesicht. Doch das, was er immer gut zu kennen geglaubt hatte, erkannte er in diesem Augenblick keineswegs mehr als sein eigenes Gesicht wieder. Nach einer langen Zeit ungläubigen Staunens und Überlegens überwand er sich und sah weit in seine Augen hinein, so, als ob dort ein Geheimnis verborgen war. Es erschien ihm, als ob er ganz unvermutet einen Blick in die unbekannten Tiefen seiner Seele geworfen hätte. Fand er hier vielleicht verborgen einen Schlüssel zum Öffnen des Schlosses, das schon so lange sein Inneres verschlossen hatte. Es überkam ihn plötzlich, als ob eine fremde Stimme zu ihm sprechen würde, und er glaubte hinter sich sogar eine Gestalt erkennen zu können. Er wandte sich nach allen Seiten um, aber er war ganz allein in seinem für eine Person viel zu großen Haus. Dann entfuhr ihm unwillkürlich ein Ausruf der Verwunderung. Er bildete sich ein, daß es der Spiegel war, der wie in einem Märchen mit ihm sprach. Es gelang ihm nur mühsam sich allmählich wieder vollständig unter die Kontrolle seines Verstandes zu bringen, und die Erscheinung als begleitende Nebenwirkung seines Schauspielerdaseins zu bewerten. Ja, es stimmte. Er hatte seine Arbeit zuletzt zunehmend als eine Belastung empfunden. Sein sonst so geliebtes Rollenspiel bereitete ihm einen bislang unbekannten Streß. Aber war er deswegen auf einem Mal ein anderer Mensch geworden? Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Diese Stimme könnte vielleicht sein wahres Ich sein. Es wollte ihm mitteilen, daß noch immer verborgene und unterdrückte Gefühle in ihm eingesperrt waren, die mit Macht nach außen wollten. Er ließ sich diesen Gedanken mehrere Male durch den Kopf gehen. Erschrocken, aber erleichtert zugleich kam er zu dem Schluß, daß er tatsächlich in der letzten Zeit nur noch seinen Verstand eingesetzt hatte. Seine Gefühle hatte er nur unfreiwillig, meist in seinen verschwommenen Träumen, an die Oberfläche kommen lassen. Langsam begriff er, daß seine glänzende Identität als Schauspieler mehr Schein als Sein war. In ihm schlummerte sein seit langer Zeit wie in einem Gefängnis eingesperrtes, wahres Ich, das jetzt erwachte. Die Veränderung seines Wesens durch seine Arbeit als Schauspieler wurde ihm erst jetzt richtig klar. Diese schlagartige Erkenntnis versetzte ihn für einen Moment in großes Erstaunen. Er hatte sich immer eingebildet, daß ihn seine Arbeit total ausfüllen würde. Plötzlich wurde ihm nun bewußt, daß er dieses Bild von der Person im Spiegel nicht mehr länger darstellen mochte, vielleicht auch gar nicht mehr konnte. Ihm war auch klar, daß er sich genau deshalb im Spiegel nicht mehr selbst erkannte. Er war nicht mehr der, dessen Bild er noch sah. Seine wahren Gefühle konnte er nun nicht mehr länger leugnen. Auch wenn sein äußeres Erscheinungsbild und sein Verhalten ihm jahrelang durch seine Fernsehrolle vorgegeben worden waren, hatte er diese, ihm eigentlich wesensfremden Charakterzüge wirklich auch noch in sein privates Leben übernehmen müssen? Einen langen Teil seines Lebens hatte er sich den Illusion des Rollenspiels hingeben und jede Art von eigener Gefühlsregung verdrängt. Über jeden Zweifel erhaben war es ihm gelungen seine Fernsehrolle auch im Alltag auszuleben. Der Schauspieler war aufs Innerste erschrocken. Dennoch war er glücklich zugleich, daß der zunächst so unverfängliche Blick in den vertrauten Spiegel ihm offenbaren konnte, wie und was er tief in seinem Herzen verborgen fühlte, und was er nun nicht mehr länger unterdrücken konnte und auch nicht wollte. Auf einmal fiel die Oberflächlichkeit wie eine Hülle von ihm ab. Er begriff, daß sich hinter all den materiellen Dingen, die ihm immer so wichtig gewesen waren, noch erheblich Wichtigeres in seinem Innerem versteckt hatte. Dieses Zugeben seiner Schwächen eröffnete ihm gute neue Horizonte, und er spürte die Kraft, die von diesem neuen Wissen ausging. Von nun an wollte er sein Leben aus einer anderen Perspektive gestalten. Die Erfahrung in Form einer so überraschenden Vision sollte als eine willkommene und richtungsweisende Erinnerung für seine nun fest geplante Änderung seines Lebensstils für immer bei ihm bleiben. Dieses kleine, und doch zugleich so aufregende Ereignis, hatte ihm erstmals seit langer Zeit erlaubt, einen tiefen Blick hinter die selbst aufgebaute schicksalhafte eigene Fassade werfen zu können. Er erschrak nicht mehr.


© 1998 - Nico S. Hansen