Der Abschied

Ohne den Platz seines Versagens noch eines letzten Blickes zu würdigen, drehte er ihm einfach den Rücken zu und machte sich auf den Weg, ohne wenigstens eine flüchtige Idee eines Ziels im Kopf zu haben. Er wollte einfach nur noch weglaufen und auch die Tatsache, daß es in Strömen regnete, und er sich wohl den Tod holen würde, konnte ihn von seinem Entschluß nicht wieder abbringen. Er war der festen Meinung, daß man ein Versprechen, auch wenn man es sich selbst gegeben hatte, strikt einhalten sollte. Er war auf einer Suche, und zwar auf der Suche nach einem Ort, wo es ihm gelingen könnte, die Ursache für seinen Schmerz schon im Ansatz bekämpfen und die Auswirkungen in Form eines Schmerzes dadurch zu beheben. Er hatte tatsächlich vieles bewußt zurück gelassen, nur die Erinnerung blieb ihm, zu seinem Leidwesen, noch erhalten. Er fühlte sich leer und in einem gewissen Maße gerade zu ausgebrannt. Er versuchte die Gedanken auszuschalten, die in seinem Kopf umherschwirrten, und die Gefühle zu unterdrücken, die aus seinem Inneren herauswollten. Er sehnte sich in seiner Phantasie bildlich nach einem grünen Tal, nämlich dem Tal des Vergessens. Diesen einzigen Wunsch seines Herzens konnte er sich jedoch nicht erfüllen. Er war sich nämlich total darüber im klaren, daß er sich ohne die Kunst des Verdrängens, oder vielmehr ohne die Fähigkeit des Verarbeitens, auch anderswo nicht auf einen neuen Anfang einlassen können würde. Er suchte also schlichtweg nach irgendeinem Ausweg aus einem Gefühl des Eingesperrtseins. Nach und nach kamen jedoch immer mehr, zwar vorerst nur zaghafte, Impulse eines schlechten Gewissens oder auch eine größere Portion des Selbstzweifels in ihm auf und somit auch zum Vorschein. Diese Bisse des Gewissens quälten ihn um so mehr, als er sich ihrer äußerst unfreiwillig bewußt wurde. Der Regen hatte sich in der Zwischenzeit auch noch verstärkt, und seine Kleidung war natürlich schon ganz durchnäßt. Aber er ließ sich von dieser Tatsache nicht sonderlich beeindrucken und führte, da er gemerkt hatte, daß es zwecklos war, vor dem eigenen Verstand und den Gefühlen zu flüchten, seinen inneren Dialog zwischen den beiden Feinden oder Freunden des Verstands und der Gefühle fort. Er erkannte schnell, daß es keine Veränderung bewirken würde wenn er sich auf der einen Seite nur auf irgendeine Aufgabe konzentrieren würde oder wenn er sich in eine gewollte Isolation begab, um seine Probleme in Ruhe und Abgeschiedenheit einmal mit einem etwas größeren Abstand zu betrachten. In seinem Fall handelte es sich nicht um eine Form von Problem, die man mit Worten tatsächlich treffend beschreiben könnte, zum Beispiel eine Kündigung oder eine Scheidung, die man nach einer angemessenen Zeit einigermaßen gut wegstecken könnte, sondern seine Beweggründe steckten irgendwie viel tiefer in ihm. So weit er sich erinnern konnte, gab es in seinem Leben eigentlich nie eine richtige Enttäuschung, um so mehr war sein Verhalten durch eine Unbeholfenheit in bezug auf eine Lösung des Problems ausgezeichnet. Er war sich nur sicher, daß er so wie bisher nicht mehr weiterleben wollte und wohl auch nicht konnte. Durch den anhaltenden Regen hatte er den Eindruck, daß sich seine Gedanken und Gefühle ein wenig beruhigt hatten und der Regen zu einer Erleichterung beigetragen hatte. Doch er wollte nicht wieder zurück in seine alte und für ihn schlechte Welt. Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er sich mit seinem Verlust abgefunden hatte, immer noch ohne sagen zu können, woraus dieser überhaupt bestand. Da er nicht mehr so gleich gleichgültig und sogar schon lebensmüde war wie einige Stunden zuvor und dem Unwetter schließlich doch noch entkommen wollte, machte er sich auf eine gezielte Suche nach einer Unterkunft. Es war schon spät in der Nacht, und er war schon seit geraumer Zeit der Hölle der Großstadt entflohen und befand sich in einer ländlichen und hügeligen Gegend, als er von seiner noch etwas höheren Ebene auf einen kleinen Bauernhof im Tal hinuntersehen konnte. Er beschloß, sich in dieser Talsohle wenigstens eine Unterkunft in der Scheune und ein paar trockene Kleider zu besorgen. Er klopfte anfänglich noch etwas scheu an die Haustür des Haupthauses, als sich im Haus nichts regte, wurde er mit dem Klopfen etwas mutiger. Nach einer Weile erschien der Landwirt in schlaftrunkenem Zustand an der Haustür, und erkundigte sich trotz der späten Stunde höflich, ob er dem Störenden helfen könnte. Unser Mann bat schüchtern um einen Schlafplatz, und da der Landwirt eine Spur von Mitleid gegenüber dem durchnäßten Menschen zeigte, gewährte er ihm einen Unterschlupf, obwohl er aus den Gründen des anderen, sich im strömenden Regen in der Natur aufzuhalten, nicht ganz schlau wurde. Da er aber noch einer war, der an das Gute im Menschen glaubte, ließ er den anderen nach einem kurzen Moment der Unentschiedenheit ins Haus. Der andere bedankte sich sehr zurückhaltend und begab sich in das angebotene Gästezimmer. Am anderen Morgen verabschiedete er sich von der Bauernfamilie und bat ihr Geld für ihre Gastfreundschaft an, welches sie unter keinerlei Umständen annehmen wollte, da sie der Meinung war, daß dieses Verhalten selbstverständlich wäre. Er begab sich wieder auf den Weg in das Ungewisse, da er dachte durch das Reisen zu neuen, rein menschlichen Erkenntnissen zu gelangen. In dem Leben eines Vagabunden sah er für sich die Erfüllung seines früher so normalen Lebens. Seine Erinnerung wollte er aber von nun an nicht mehr hergeben und verbarg sie erst einmal in seiner Seele.


© 1998 - Nico S. Hansen