Kulturelle Vielfalt, kulturelle Einheit und Verlust kultureller Identität.

Ausgangssituation

Dem geschichtlichen Werdegang Europas liegt eine den Zeitraum von Jahrhunderten umfassende stetig fortschreitende Entwicklung zugrunde. Diese verlief unterschiedlich schnell und war wahrhaftig nicht frei von Komplikationen und Rückschlägen. Langfristig und zunehmend schneller setzten sich jedoch die Bestrebungen zu einem Zusammengehen der vielen Teile eines vormals unstrukturierten und vielfach mit sich selbst im Konflikt liegendem Gebildes von Nationalstaaten zugunsten der europäischen Idee durch. Dieses neue Staatengebilde, das sich konkret erst in den letzten hundertfünfzig Jahren etappenweise entwickelte, war sich lange Zeit seiner Macht als einer gemeinsam agierende Einheit nicht bewußt. Alle Entwicklungen zu einem gemeinsamen Europa geschahen - und geschehen so auch heute noch - gegen vehemente Abgrenzungsbemühungen und Isolierungsbemühungen einzelner Teile, die weniger das Ganze, als vielmehr in egoistischer Weise den eigenen Vorteil im Auge hatten und haben. Und war es einmal nicht der eigene Vorteil um den es ging, dann bremste die Furcht vor der Preisgabe und dem Verlust von Altvertrautem, das unbekanntem Neuen weichen sollte, die Entwicklung. Aus der Isoliertheit der einzelnen Systeme entwickelte sich dennoch langsam aber stetig ein Vorgang vorsichtiger Annäherung von Völkern, Staaten, Sprachen und Kulturen, sowie deren nachgeordneter wirtschaftlichen, finanziellen und militärischen Interessen. Auch dem Einzelnen wurden in seinem individuellem Lebensbereich neue Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten erschlossen. Dieser so neu erwirkte Kontakt mit einem sich Austauschen "ohne Grenzen", umfaßte die Gesamtheit der von einem Volk geschaffenen geistigen, künstlerischen und moralischen Werke und Werte. Aus der Entstehung dieser Verflechtungen ergibt sich in einem Begriff zusammengefaßt unsere sogenannte "abendländische Kultur". An dieser Stelle aber sollte "Volk" wohl richtiger durch den hier zutreffenderen Begriff "Bevölkerung" ersetzt werden, da er die Bedeutung und die Rolle des Individuums in diesem Entwicklungsprozeß stärker und angemessener zur Geltung bringt.

Geschichtlicher Rückblick

Unser abendländischer Kulturkreis bildet eine gesamt gesehen gelungene Einheit, wie sie sich aus den antiken Zivilisationen der Römer und Griechen entwickeln konnte. Dabei sind Einflüsse auch außereuropäischer Kulturen (zum Beispiel Asien) - auf die hier nicht näher eingegangen werden soll - nicht zu verleugnen. Politik war zu allen Zeiten zunächst nur nationalstaatlich, das heißt auf die Interessen und Belange des eigenen Hoheitsgebietes und seiner Bevölkerung ausgerichtet. Zweckbündnisse von Herrschern und Regenten wurden jeweils auf Zeit abgeschlossen. Nur selten hatten sie auf Generationen gesehen Bestand. Obwohl die herrschenden Strukturen bis in das ausgehende letzte Jahrhundert grundlegende Änderungen im Sinne einer europäischen Annäherung kaum zuließen, bereiteten komplizierte Erbfolgen, die Degeneration von Herrscherfamilien und letztlich das Fehlen demokratischer Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bevölkerung den Niedergang der feudalen Nationalstaaten unaufhaltsam vor. Besonders die französische Revolution und deren Gedankengut von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war ein unbezwingbarer Wegbereiter im europäischen Demokratisierungsprozeß, der es langfristig möglich machte, Volksinteressen über Herschaftsinteressen und Feudalinteressen zu stellen. Lediglich die (katholische) Kirche hatte es frühzeitig verstanden, ihren Einfluß staatenübergreifend auszudehnen und durch ein Geflecht von Abhängigkeit und Drohung (Finanzen und Exkommunizierung) zu festigen. Gleichwohl blieben auch ihr - trotz der zentralen Gewalt aus Rom - interne Kämpfe und ein ganz erheblicher Machtverlust durch Spaltungen (Luther und anglikanische Kirche) nicht erspart.

Auf das Bewußtsein der Menschen ab dem Mittelalter nehmen im Zusammenhang und Verlauf der geschichtlichen Entwicklung zwei wesentliche Faktoren einen tiefgreifenden Einfluß: Dieses sind erstens das kritische Denken und zweitens der prägende Glauben. Sie bestimmen in jeweils unterschiedlich starker Ausprägung die Verhaltensweisen der Menschen in den jeweiligen Nationalstaaten beziehungsweise Hoheitsgebieten. Kirche und Staat beziehungsweise Religion und herrschende Autorität sind hierbei die vorgegebenen und beherrschenden Meinungsbildner. Beide lassen nur sehr zögerlich von diesem Machtmonopol und der Beherrschung des Individuums zu Gunsten einer undogmatischen sich frei entwickelnden demokratischen Meinungsvielfalt ab. Über Jahrhunderte wird kritisches Denken sowohl vom Staat als auch von der Kirche als Bedrohung der eigenen Autorität empfunden, zusätzlich verschärft noch, wenn diese beiden Mächte - wie oftmals üblich - in einer Hand vereint waren. Die Zahl der Religionsprozesse ist unendlich und fast immer mit staatlichen Interessen verwoben. Kritisches Denken war dabei über lange Zeiträume lebensgefährlich. Dennoch bahnte sich mit zunehmendem Selbstbewußtsein des Einzelnen ein Prozeß der Aufgeklärtheit seinen Weg (Montesquieu,Voltaire, Kant). In unendlicher Langsamkeit, aber dennoch unaufhörlich, fand er Eingang in die Köpfe einer immer größer werdenden Zahl von frei denkenden Bürgern. Festzustellen bleibt bei diesem Prozeß, daß trotz amtlicher Trennung von Kirche und Staat und vielfacher Konkordatsregelungen bis heute deren gegenseitige Verflechtung und teilweise Bedingtheit keineswegs aufgehört hat. Beide haben sich vielmehr den veränderten Gegebenheiten angepaßt und - mit demokratischem Gewand versehen - einen respektablen Platz bei der Gestaltung der neuen europäischen Gesellschaft gesichert.

Kultur und ihre Begriffsdefinitionen

Um eine Prognose über die zukünftige Entwicklung der bestehenden Kulturen in einem vereinten Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu wagen, bedarf es zunächst einiger weitergehender Begriffsklärungen. In einem allgemeinen Sinne betrachtet, stelle ich mir ein beispielhaftes Modell vor, in dem Kultur anschaulich erkennbar mit einem lebenden Organismus vergleichbar ist. In ihm werden jegliche erbrachten Errungenschaften und geistigen Einstellungen zu einem strukturierten Komplex gebündelt und nehmen an einer aktiven Form des Stoffwechsels teil. Mit dieser grundlegenden Fähigkeit ausgestattet, begibt sich der Mensch auf den folgenschweren Konfrontationskurs mit dem reinen Naturzustand, in dem der Mensch Teil einer unversehrten Schöpfung war. Aus ihm war er ehemals hervorgetreten, um sich in der von ihm selbst geschaffenen Kultur zu emanzipieren. Durch die ihm prinzipiell innewohnenden Erfahrungsdaten erhält das Wesen des Individuums ein zunehmendes Bewußtsein und damit das Vermögen zu einer fortschreitenden Veränderung. Durch diesen Vorgang wiederum transzendiert sich der Mensch über seine vom Ursprung aus einseitig ausgerichtete biologische Bestimmung. Alle vom Menschen geschaffenen Hilfsmittel und die aus ihnen hervorgehenden Produkte sind diesem Basisbegriff von Kultur inhärent.

Kultur ist auf eine besonders prägende Art und Weise die eigentliche, aktiv verrichtete Aufgabe des Menschen. In ihr werden gemeinhin für gut befundene Normen und Werte einer vorher gegründeten Gesellschaft entwickelt. Die Kultur dient in diesem Sinne als eigens aufgestellter Standard zur Erhaltung der durch sie entstandenen Moral. Ein weiterer Faktor ist die Einrichtung von verschiedenen Institutionen, die demzufolge Ordnungsfunktion übernehmen und zum Beispiel die unerläßlichen Instanzen des Rechts repräsentieren. Die Kultur bietet dem Individuum den wohl umfassendsten Rahmen an verfügbaren Möglichkeiten zur vollständigen Entfaltung seiner Fähigkeiten. Daher vermag ausschließlich sie es, ein nahezu ausführliches Zeugnis über die Existenzweise der Menschheit abzulegen. Völkern mit einer einfachen Kultur wird so der Begriff eines "Naturvolkes" zugeordnet, mit einer höher entwickelten Kultur wird es namentlich als "Kulturvolk" definiert. Religion, Kunst, Wissenschaft, Recht, Wirtschaft, Erziehung und eine soziale Gliederung sind einige Bestandteile einer sogenannten Hochkultur. Diejenigen Teile, die ausschließlich auf Gewinn abzielen, werden hingegen eher als untergeordnete Zivilisationen einer Kultur verstanden. Um noch mehr Aufschluß über die Bezeichnung der Kultur zu erhalten, kann eine semantische Analyse des Wortes weiterhelfen. Die lateinische Herkunft dieser Vokabel bedeutete ursprünglich im wahrsten Sinne des Wortes Ackerbau. Exakt übersetzt heißt "agricultura" die "Pflege des Bodens". Hiervon abgeleitet wurde diese Aussage auf die "cultura animi" das heißt die "Pflege der Seele" übertragen. In dieser Form der Definition wurde der Begriff im Mittelalter generell als die Ausbildung der körperlichen, wie seelischen Fähigkeiten benutzt. Zum eigenen Interesse innerhalb der Philosophie wurde der Kultur lediglich durch das Aufkommen einer Geschichtswissenschaft verholfen. Um ein Zitat Immanuel Kants zu verwenden, hat die Kultur eine "Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt" zum erheblichen Inhalt. Diese Hervorbringung meint die dem Menschen innewohnenden mentalen oder physischen Kräfte, die anfänglich ihn beherrschen, im Umkehrschluß dann unter seine eigene bewußte Macht gebracht werden. Dieses heißt, dem natürlichen Einfluß in seiner anfangs groben Beschaffenheit eine detaillierte Ordnung aufzuerlegen. Auch der berühmte Ausspruch Immanuel Kants, daß die "Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit ist", versucht Ähnliches auszudrücken. Im Gegensatz zum Grundgedanken von Immanuel Kant führt Johann Gottfried von Herder eine erheblich abweichende Definition an. Er geht davon aus, daß die Entwicklung einer Kultur nicht de facto, also sachlich und kritisch zu bewerten sei, sondern sie vielmehr als Ding an sich zu betrachten, und schlichtweg zu beschreiben sei. Kultur ist in diesem Sinne vorherbestimmt und vom Menschen in ihrem organischen Ablauf nicht grundsätzlich zu beeinflussen. Sie wird auf diese Art und Weise mit dem natürlichen Kreislauf verglichen, der sich oberflächlich in Wachstum, Blüte und Absterben gliedern läßt. Die Kultur sei in diesem Sinne nicht vom Menschen selbst konkret entwickelt worden. Sie ist als ein mit der Zeit ablaufendes, geistiges Gedeihen eines Volkes einzuschätzen. Ihr Zweck sei es, die Humanität auf das höchst mögliche Niveau der Entfaltung zu bringen, doch auch sie könne, wie die Blüte in der Natur, nach einer unbestimmten Zeit vergehen. Diese Interpretation ist zwar schlüssig in sich, erscheint mir aber nicht so zwingend und überzeugend wie die Kants zu sein, in der dem bewußten Einfluß menschlichen Denkens und Handelns mehr Gewicht beigemessen wird.

Der in der Epoche der Aufklärung lebende Jean Jaques Rousseau wiederum nimmt einen freien Naturzustand des einzelnen Menschen a priori an. Der Mensch fristet hier sein Dasein wie ein Eremit inmitten einer natürlich gegebenen Ordnung, die die Kultur wiederum künstlich zu erzeugen versucht. Im Zentrum dieses Systems reicht es für das Individuum aus, sich auf sein Gefühl, also einem weiterentwickelten Instinkt, zu verlassen. Erst durch die der Kultur immanenten Eigenschaften einer erfolgten geistigen Reflexion würden soziale Mißstände heraufbeschworen, die imstande seien, den Menschen zu entfremden. Jean Jaques Rousseau gibt als Quelle für jegliche seelische Regungen das Phänomen der notwendigen Selbstliebe an. Aus der organischen Beschaffenheit entsprängen kleine gesellschaftliche Einheiten, in denen Gleichheit und Freiheit bedingungslos garantiert würden, auch wenn man dieses in der Realität ausschließlich bei den Naturvölkern beobachten könne. Mit dem Eintritt in die Kultur und der Gründung einer künstlichen Gesellschaft verflüchtigten sich die Ideale der Gleichheit und Freiheit. Die Unschuld des Unwissenden gehe verloren. Auch der Übergang des Besitzes in Privateigentum habe vielfach negative Folgen für den Einzelnen; und diese hinterließen oftmals deutlich sichtbare Spuren des Neids der Abgrenzung und Isolation. Die in der Gesellschaft als positiv bewerteten Werte von Vernunft und Wissenschaft verminderten die ursprüngliche Empfindung der Sittlichkeit, lassen aber gleichzeitig ein um so strengeres künstliches eigenes System erwachsen. Größte Anstrengungen von Anthropologen und Soziologen werden heute unternommen unterschiedliche Kulturen wissenschaftlich zu ergründen. Es wird versucht, diese Systeme durch Analyse und Interpretation zu durchleuchten und zu verstehen, um auf diese Art und Weise Rückschlüsse auf vergangene aber auch für kommende Zeiten ziehen zu können. Geprüft werden soll auch, welche Auswirkungen die Kultur auf ein moralisches gesellschaftliches System haben kann, ohne daß dieses unerschöpfliche Thema schon ausreichend und abschließend behandelt worden wäre. Der hier fälschlicherweise oft mit der Kultur gleichgesetzte Begriff der Zivilisation bezeichnet dabei nichts anderes als nur den äußeren Rahmen der Kultur. Soweit diese Ausführungen zur Definition des Begriffes Kultur.

Der Weg nach Europa

Bis zur Entwicklung moderner Kommunikationsmittel sowie eines länderübergreifenden Verkehrswesens, fand Kultur weitgehend nebeneinander und innerhalb der jeweiligen Hoheitsgebiete statt, wobei der christlichen Kultur bereits damals ein gesamteuropäisches Format zukam. Wie anfangs geschildert, umfaßte sie die Gesamtheit der von einer Bevölkerung geschaffenen geistigen, künstlerischen und moralischen Werte. Überlieferungen, Bräuche, Sitten und Gewohnheiten, die sich in der ständigen Weitergabe über Generationen hinweg zu Traditionen entwickelten, prägten nach außen hin das sichtbare Profil der Völker und waren Orientierung, Anleitung und oftmals auch Verpflichtung für das Verhalten des Einzelnen innerhalb seiner Gemeinschaft. Besonders hervorragende Leistungen zum Beispiel in Literatur, Musik und Wissenschaft, oder eine vergleichsweise Überlegenheit in eher handwerklichen oder naturabhängigen Fertigkeiten wurden zu Etiketten und Prädikaten, mit denen Völker - zu recht oder zu unrecht - synonym gesetzt wurden. Das Volk der "Dichter und Denker", der "Liebhaber und Genießer", der "guten Küche", des "trockenen Humors", der "stolzen Eroberer", "der Kaufleute und Seefahrer" sind nur einige dieser Etiketten. Hinzugefügte Begriffe wie "fleißig aber langweilig", "fröhlich aber unzuverlässig", "charmant aber oberflächlich" schärften zusätzlich diese Profile und boten zudem Nahrung für tiefsitzende Vorurteile. Sie zu überwinden war eine der ersten Aufgaben und Hürden auf dem langen Weg nach Europa. Große Persönlichkeiten aus den unterschiedlichen Nationen waren es, die trotz immer wiederkehrender kriegerischer Auseinandersetzungen bis hin zu zwei Weltkriegen mit einer zunächst nur vagen Vision zu seinen Wegbereitern wurden: Klemens Metternich und Gustav Stresemann, besonders aber Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, denen der historische Verdienst der Aussöhnung der einstmaligen Erbfeinde Frankreich und Deutschland zukommt, seien hier stellvertretend für die vielen Namenlosen genannt, die auf privater und sehr persönlicher Ebene immer schon Grenzen überschritten haben.

Für den Einzelnen entwickelten sich schließlich in unserem Jahrhundert mit fortschreitender Technisierung, den zunehmenden Informationsmöglichkeiten, einem wachsenden Einkommen und zunehmender Freizeit neue Möglichkeiten, seinen eigenen begrenzten Kulturkreis zu verlassen. Es galt, Neues bei seinen bis dahin unbekannten Nachbarn zu entdecken. "Kulturaustausch" sozusagen auf privater Ebene begann. War es für die Deutschen zum Beispiel zunächst Italien und später Mallorca, die entdeckt werden wollten, folgten bald alle anderen Länder eines sich auch auf politischer Ebene immer mehr erweiternden Europas, die noch entdeckt werden wollten. Aber nicht nur Deutsche machten sich auf den Weg: Die Entdeckung des Nachbars entwickelte sich auch in allen anderen Ländern, und setzte so eine touristische Wellenbewegung in Gange, die in einer scheinbar kleiner werdenden Welt europäische Ziele per Düsenjet im Stundentakt erreichbar machte. Grenzen begannen zu verschwinden, Traditionen, Gewohnheiten wurden von der Neugier Neues vom Nachbarn auszuprobieren abgelöst. Dennoch wurden manche "unverzichtbare Kulturgüter" wie zum Beispiel deutscher Kaffee und Bier - oder englischer Tee, französischer Rotwein - auch in die entlegensten Ecken mitgenommen. Ein Stückchen "Heimatkultur" ging immer mit auf Reisen. Dem entgegengesetzt etablierten sich neue kulturfremde Angebote, die mit ihrem schlichten, werbewirksamen und an allen Plätzen immer identischen Auftreten ein Pseudogefühl von Vertrautheit aufkommen ließen und so zu einem bald unverzichtbaren Teil der eigenen Konsumkultur wurden (McDonald's).

Aber nicht nur auf touristischer Ebene begann Europa sich zu entwickeln. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich aus dem Zusammenbruch heraus ein neues wirtschaftliches und zunehmend auch politisches Bündnis; zunächst als Gegengewicht zu den Staaten des Ostblocks, die mit COMECON und dem Warschauer Pakt sich frühzeitig organisiert hatten, und denen der Westen mit den Römischen Verträgen, EURATOM, der EWG und der NATO mindest Gleich starkes entgegenzusetzen versuchte. Kannte das Europa der vielen Nationalstaaten der Vergangenheit nur eine jeweils nationale Kultur mit klaren Konturen, so verwischen diese zunehmend zugunsten neuer hinzukommender Elemente, die die kulturelle nationale Verarmung (Verlust von Mundart, zum Beispiel Niederdeutsch) durch eine internationale Bereicherung ausglichen (zum Beispiel Fremdsprachen). Dabei konnte und kann es noch immer auch zu Verwerfungen kommen. Ein zu starker kultureller Eigenverlust von Werten, die höchste Bedeutung für die Identität des einzelnen und seiner Gemeinschaft haben und eine gleichzeitige "Überfremdung" mit Unbekanntem Neuen werden vielfach als Bedrohung empfunden. Die neue kulturelle "Mischung" muß daher vorsichtig angelegt werden. In ihr muß eine nationale Identität erkennbar bleiben, in der Bekanntes und Vertrautes Sicherheit vermitteln und Neues als Option und freiwillige Bereicherung angeboten werden, ohne den Einzelnen zu bevormunden. Wie bei der Mengenlehre können sich bei Näherung Schnittmengen ergeben und in einer Endphase Teilmengen integrierte Bestandteile einer Gesamtmenge - der multikulturellen Gesellschaft - sein.

Bevor man sich jedoch Gedanken über die Entstehung einer multikulturellen Gesellschaft macht, sollte man erst einmal die tief verwurzelten Mißstände in unserer voll durchorganisierten und an der Oberfläche so "wunderbar funktionierenden" eigenen Gesellschaft beseitigen. Dazu gehört es, die Lebensbedingungen so weit wie möglich demokratisch verbessern zu helfen und neue Chancen für die Schwächeren zu schaffen. Auch sie müssen Teil der "Gesamtmenge" bleiben. In unsicheren Zeiten einer sozialen Instabilität und einem Leben mit sich dramatisch zuspitzenden Veränderungen der ökonomischen Bedingungen, wird der Ruf nach positiven mutgebenden Impulsen und nach Hoffnung auf Besserung zunehmend lauter. Ausgrenzungen und daraus folgende Depression bis hin zur Verweigerung könnten eine Radikalisierung in Bewegung setzen, an deren Ende ein neuer Verteilungskampf und Klassenkampf stünde, der alle Bemühungen für ein multikulturelles Europa unterlaufen würde. Wie schon in früheren Zeitaltern erkennbar, kann ein Anhäufen von sozialem Sprengstoff eine Lawine lostreten, deren Bewältigung äußerst schwierig wenn nicht ungewiß bleibt. Doch Rettung ist möglich. Geschichte hat immer wieder Beispiele, wie nach Katastrophen Neues Besseres entstehen kann. Das veraltete, offensichtlich untaugliche System bricht am Ende überfordert zusammen und wird antagonistisch, im Sinne von Neuschöpfung ersetzt. Hierzu möchte ich ein eigenes Denkmodell vorstellen, das sich bildhaft mit diesem Vorgang auseinandersetzt. Ich gestatte mir den Vergleich, diese zuvor beschriebene Entwicklung mit Hilfe einer in verschiedene Abschnitte gegliederten Torte als Modell zu illustrieren. So wie die Torte nacheinander in vier Stücke geteilt wird, entsprechen diese den politisch denkbaren Autoritäten: Monarchie, Demokratie, Oligarchie und Diktatur. Diese konnten sich im Laufe der Zeit jeweils einander ablösend entwickeln und werden wie die Torte nacheinander verzehrt. Ein neuer Teig schafft die Basis für die Entstehung einer neuen Torte beziehungsweise neuer Herrschaftsform. Eine Variante dieses Prinzips kann ich auch in der Bewegung des Pendels entdecken. Dieses bewegt sich von einem Extrem in den zwingend bedingten Kontrapunkt seiner selbst und durchläuft dabei mit einer nicht festzulegenden Geschwindigkeit einen unvollendeten Halbkreis, in dem Höhen und Tiefen, das heißt Positives wie Negatives durchschritten werden müssen. Auch dieses von mir angeführte Modell hat vergleichenden Symbolcharakter für den beinahe zwangsläufigen Verlauf politischer Entwicklungen.

In diesem Zusammenhang sei auf die Konzeptionen Erich Fromms verwiesen, die trotz vielfacher Kritik nicht an Wichtigkeit eingebüßt haben. Ein Leitmotiv in seinem Werk geht von der Anschauung aus, daß durch den Übergang des kollektiven Besitzes in den Zustand des Privateigentums eine Krise der Identität des Individuums regelrecht heraufbeschworen wurde. Er appelliert an das Gewissen und die Vernunft der Menschen, wenn er davon spricht, daß sie sich ausschließlich von der Existenzweise des "Habens" leiten und verführen lassen. Gerade dieses Verhalten aber bringt schwerwiegendes seelisches Leid mit sich. Seiner Ansicht nach ist es an der Zeit für die Menschen, sich wieder auf sich selbst zurück zu besinnen. Andernfalls kann die persönliche Identität, also die als Selbst erlebte innere Einheit des Bewußtseins auf keinen Fall gewahrt werden. Das Problem an dieser wichtigen Abkehr vom Modus des Habens ist, daß diese falsche Handlungsweise schon allzu fest in den Köpfen der betroffenen Menschen verankert ist. Von staatlicher Seite ist hier verständlicherweise kaum aktive Unterstützung zu erwarten, da er und die ihn tragende Wirtschaft die eigenen Machtambitionen weitgehend preisgeben müßten, so daß diese Institutionen als geradezu unglaubwürdig erscheinen würden. Die als wünschenswert und ideal zu erreichende Kategorie wird bei Erich Fromm durch den Archetypus des "Seins" dargestellt, der sich durch die Ideale von Unabhängigkeit, Freiheit und gesunden Menschenverstand auszeichnet. Genaugenommen erweisen sich die Grundlagen einer Kultur gerade durch solcherlei Werte; jedoch laufen diese ständig Gefahr, durch die Unvollkommenheit des menschlichen Wesens den wesentlichen Inhalt ihrer Ideen zu verlieren. Der Betrachter muß annehmen, daß beide Orientierungen, sowohl Haben als auch Sein ursprünglich im Bewußtsein einen vollkommen gleichwertigen Rang eingenommen haben. Eine befriedigende Selbstverwirklichung kann nach Erich Fromm nur durch eine besitzneutrale Aktivität erreicht werden. Das Erreichen einer seelischen Glückseligkeit wird durch die Existenzweise des Habens erschwert und kann überdies vollständig zerstört werden.

Derzeitige Situation

Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelt sich, beinahe wie von Geisterhand geleitet, eine wie vorher in den Modellen beschriebene unverkennbare Gefahr einer Absturzposition. Selbständig und scheinbar unaufhaltsam entwickelt sie sich in die vorgefertigten Wege. In Zeiten einer weltweit wachsenden gesellschaftlichen Monotonie, deren Erscheinungsform sich in einer Vielzahl von immer ähnlicher und austauschbar werdenden Konsumangeboten dokumentiert (zum Beispiel Fernsehprogramme, Serien, Moderatoren), stellen viele Menschen größte Bemühungen an, dieser Entwicklung zu entkommen. Sie sehnen sich nach einem längst unwiederbringlich verlorenen Zeitalter zurück und unternehmen alle Anstrengungen hin zu einer Rückwärtsentwicklung. Ihren individuellen Interessen beziehungsweise Abneigungen folgend, bilden sie Gruppen Gleichgesinnter, die sich im gemeinsamen Bemühen um Änderungen, föderal organisieren. Dabei hat sich selbst nach Überwindung von zwei verheerenden Weltkriegen ein nur phasenhaftes, aber nicht auf Dauer anhaltendes Gefühl des Glücks oder wenigstens der Zufriedenheit einstellen können. Ganz im Gegenteil dazu hat sich eher ein nebulöses Chaos aus Freiheiten und Abhängigkeiten ergeben, das nur mit Mühe und wohl nur ansatzweise vom Einzelnen noch verstanden werden kann. Politische Entscheidungsprozesse haben sich vom Souverän des Volkes scheinbar entfernt und speziell das Wirtschaftssystem eines - je nach Interpretation und Interessenlage - den Gipfel oder den Tiefpunkt erreichten Kapitalismus, läuft Gefahr, durch die ihn ehemals antreibenden Kräfte von Globalisierung und Technisierung selbst aufgezehrt zu werden. Wir alle leben in einer Phase der Geschichte, deren weitere Laufbahn nicht einmal in groben Zügen vorhersehbar ist. Man darf sich daher auch über einschleichende Extreme nicht wundern, denn in Phasen solcher Unsicherheit ist fast alles möglich. Gestalterische Phantasie, die Mut und Hoffnung auf eine erstrebenswerte und lebenswerte Zukunft aller vermittelt, ist gefragter als je zuvor. Eine dermaßen angelegte Zukunftsstrategie richtet alle Kräfte nach vorne und vermeidet einen Verteilungskampf rivalisierender Gruppen in einem sich nicht mehr weiterentwickelnden und langfristig rückläufigen Wohlstandsmodell.

Das Verlangen nach dem Entstehen einer übergreifenden oder gar Weltkultur wurde von großen Verbänden und Unternehmen sogleich in ihr Programm aufgenommen und vermarktet. Dennoch entstand bisher kaum mehr als eine oberflächliche Trivialkultur. Gleichmacherei und Uniformität in vielen Lebensbereichen ist der Preis für den Zugewinn von Internationalität und grenzenlosem Angebot. Markennamen für Produkte, Dienstleistungen und Idole (Levis, Nike, McDonald's, Coke, Take That, MTV) sind ihre Protagonisten. Statt vertikaler kultureller Vielfalt bildet sich eine horizontal ausrichtende Kultur der oberflächlichen Gleichmacherei. Die Politik hat hierbei im Verlaufe des technischen Fortschritts einen wesentlichen Teil ihrer Macht und ihrer Gestaltungsmöglichkeiten verloren. Sie vermag es kaum noch, selbst innovativ zu agieren oder auch nur auf Innovationen zu reagieren. Dieses mag besonders an ihrer innerlichen Zerrissenheit liegen, die es verhindert im Konsens für gemeinsame Ziele einzutreten. Aber auch der Institution der Kirche gelingt es schon lange nicht mehr, einen Richtungskurs anzugeben, und auch ihre mögliche Einflußnahme schwindet. Dabei ist es gerade diese Glaubensgemeinschaft, der es, an traditionelle Werte und Inhalte gebunden, am ehestens gelingen könnte, Orientierung zu geben und dadurch regen Zulauf zu erhalten. Doch durch eine immer mehr opportune Anpassung an den sogenannten Zeitgeist, verstellt auch sie sich die Möglichkeit und das Recht zur Mitsprache. Die schöne neue Welt der Medien ist dafür um so wirkungsvoller an den Hebeln der uns lenkenden Macht. Insgeheim ist sie es, die befähigt ist, die Gesellschaft zu kontrollieren und zu lenken. Im negativen Falle kann sie auf manipulativem Wege den Wünschen einiger weniger Herrschenden gefällig werden, um sie zur Durchsetzung eigennütziger Ziele zu nutzen. Zur Vermeidung einer solchen nur noch, den jeweils Herrschenden dienenden Medienkultur (siehe Beispiel Berlusconi, Italien), wäre ein von der Bevölkerung gestellter Aufsichtsrat zur Überprüfung der Medien auf Unabhängigkeit dringend geboten.

Schlußfolgerungen

Auf die vor uns liegende Kultur des einundzwanzigsten Jahrhunderts bezogen, kann es uns geschehen, daß wir in einer konsumorientierten und genußorientierten Habenmentalität versinken werden, in der ein auf "fast food, fast money, fast living" ausgerichtetes Verhalten ein dann (im Konsumrausch) vereintes Europa bestimmen wird. Kultur gibt es dort als Supermarktartikel und Megamedienereignis. Subtilität und Individualität bleiben auf der Strecke. Alternativ und wünschenswerterweise könnte es uns aber auch trotz aller Ablenkungstendenzen in einer nicht aufzuhaltenden neuen Medienlandschaft und veränderter Arbeit und Lebensbedingungen gelingen, eine Neuentdeckung und Wiederentdeckung der wahren geistigen Werte der Menschheit zu erreichen. Gerade zum Zeitpunkt des ausgehenden Jahrhunderts und Jahrtausends mit einem stetig wachsendem Gefühl der Unsicherheit und zunehmender Orientierungslosigkeit und einem latenten Unbehagen gegenüber einer bunten aber dahinter vermutlich recht leeren Medienwelt, kommt einer wie vorher beschriebenen echten Kultur eine besonders wichtige Rolle zu. Sie vermag es, dem Leben Sinn und Erklärung zu geben, und dem Einzelnen Orientierung und nicht zuletzt auch Hoffnung zu vermitteln. "Mut zur Zukunft und zur Solidarität mit dem anderen" könnte dann als Überschrift über dieser neuen Zeit stehen. Diese Utopie kann gelingen, wenn Kultur wieder zu ihren Ursprüngen zurückgeführt wird, bei gleichzeitiger Öffnung, die es erlaubt, Neues bewährtem Altem hinzuzufügen. Nur Dinge mit tiefer Bedeutung für den Menschen werden dabei über geschichtliche Zeiträume erhalten bleiben. Diese Dinge aber aufzugeben, brächte einen Identitätsverlust mit sich und würde den Menschen in eine Nähe rücken wo, überspitzt gesagt, der Abstand zur zukünftig erhältlichen künstlichen Intelligenz nicht mehr weit ist.

Das provozierende Zitat eines Direktors von MTV, nach dem "ein achtzehnjähriger Franzose mehr mit einem gleichaltrigen Deutschen gemein hat, als mit den jeweiligen Eltern", ist hier schlüssig. Es sollte nach den vorherigen Ausführungen aber nicht zu sehr schockieren, sondern eher zum Nachdenken anregen. Exemplarisch und in kürzester Form werden hier Chancen und Risiken für das kulturelle Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts beschrieben. Der Elterngeneration kommt, wie man hier klar ersehen kann, besondere Bedeutung hinzu. Sie muß ihren Erziehungsauftrag ernst nehmen und sich der Mühe begeben ihren Kindern die unverzichtbaren ideellen Grundwerte von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität (siehe französische Verfassung) aber auch von Aufrichtigkeit Ehrlichkeit und Mitverantwortung aktiv zu vermitteln. Das alles geschieht in einer Gesellschaft, die Oberflächlichkeit und Gleichmacherei fördert, und in deren Mittelpunkt immer mehr Besitz und Konsum als Lebensinhalte rücken. Zusammen mit den Kulturbeauftragten des Staates müssen Angebote geschaffen werden, die so interessant sind, daß sie im Konkurrenzumfeld von Disco, Kino und Kneipe bestehen können. Sie müssen alle freiwillig und durch die Kraft ihrer Inhalte oder ihrer Aktualität überzeugen. Den direktesten Einfluß aber hat das Vorleben im gemeinsamen Alltag. Je besser die direkte Vermittlung von Grundwerten durch aktives Vorleben gelingt, desto intensiver erhalten nachwachsende Generationen Lernwerte und Erfahrungswerte, auf deren bewährten Fundament sie aufbauen können. Dieses Wissen macht sie stark und versetzt sie in die Lage neuen Herausforderungen mit gewachsener innerer Stärke zu begegnen und in schwierigen Situationen mit Mut neue Möglichkeiten für deren Überwindung zu finden. Solch eine stabile Basis ermöglicht es den Jungen zu experimentieren und Neues auszuprobieren. So können sie die Trivialität eines eindimensionalen Konsumangebotes ohne Verlust und Reue hinter sich lassen. Das Kaleidoskop der Möglichkeiten reicht dabei von Literatur, Theater, Malerei, Sprache, Geschichte, Musik bis zu Spezialdisziplinen wie Weinanbau, Ökologie oder Volkstanz und ist fast unendlich erweiterbar. Um als kulturelles Angebot wahrgenommen zu werden braucht es bereits heute großer Anstrengungen. Um dieses aber auch noch im nächsten Jahrhundert und Jahrtausend sicherstellen zu können, müssen die gemeinsamen Anstrengungen von Politik und Elterngeneration noch wesentlich verstärkt werden. Kultur kann sich letztlich nur da entwickeln wo ein Nährboden vorhanden ist und wo ein sichtbares Angebot gemacht wird. Die Verpflichtung sich um die nachwachsende Generation zu kümmern muß bei dieser Zielsetzung noch ernster als bisher genommen werden und das Weitervermitteln der Grundwerte muß zentrales Ziel eines zukünftig noch mehr zusammenwachsenden Europas werden. Jeweils nationale Kulturwerte schaffen ein zusätzliches Angebot im Sinne einer multikulturellen Bereicherung. Sie tragen wesentlich mit dazu bei, daß sich ein gemeinsames Verstehen und gegenseitiges Akzeptieren wie von selbst entwickelt, in einem Europa, dessen Verbindendes größer sein wird als das Trennende und dessen verschiedenen Sprachen nur noch wie nationale Dialekte in einem gemeinsamen Ganzen wirken.


© 1998 - Nico S. Hansen