Die Vorüberlegung einer Kurzgeschichte

Es sei meine Aufgabe, aus den im Folgenden genannten Themen, eine Einheit zu bilden: Wahnsinn oder Hysterie und Ideal oder Wahrheit. Bei diesem Vorhaben sei besonders darauf Wert gelegt, etwaige Beschreibungen von Natur, und der in ihr lebenden Tiere, zu einer ihnen angemessenen Geltung zu bringen. Man stelle sich der Einfachheit halber einen nicht endenwollenden Wald zu nächtlicher Stunde vor, in den es einen einsamen Wanderer verschlagen hat. Die eingeplanten Schilderungen von Pflanzen und Tieren sollen dabei als Sinnbilder für die Geschehnisse im Seelenleben des Wanderers aufgefaßt werden. Vor allem lege man besonderes Augenmerk auf stellvertretende Tiere, mit denen sich der Wanderer identifizieren könnte. Zu diesem Zweck schweben mir zwei Tiere, mit ihren unverwechselbaren Eigenschaften, vor Augen, und zwar handelt es sich hierbei um eine Eule und einen Fuchs. Diese beiden beinhalten einen Symbolcharakter, den es in den weiteren Überlegungen noch einzugrenzen gilt.

Zunächst einmal möchte ich mich der Eule zuwenden, wobei sowohl biologische als auch mythologische Gesichtspunkte berücksichtigt werden sollen. Die unbeweglichen Augen der Eule sind nach vorn gerichtet und der Gehörgang ist außerordentlich gut entwickelt. Einerseits war die Eule im alten Ägypten und Indien ein Symbol des Todes, auf der anderen Seite wurde sie im Griechenland des Altertums der Göttin Athene hinzugesellt und galt seither als die Beschützerin der Stadt Athen und aller in ihr beherbergten Wissenschaften. Abschließend ist über sie noch auszusagen, daß die Eule alles sehen kann, daß sie selbst aber nur schwer und mit großer Mühe zu orten ist.

Um jetzt zum Fuchs zu kommen, ist es besonders wichtig einmal herauszustellen, daß er als Raubtier ein Einzelgänger ist und schlitzförmig sich verengende Pupillen besitzt. Der Geruchsinn und Gehörsinn sind beim Fuchs nahezu ausgezeichnet entwickelt. Gerade im chinesischen Mythos nimmt der Fuchs eine zentrale Bedeutung ein. Demnach wurde er mit hundert Jahren fähig sich in jede beliebige Gestalt zu verwandeln und mit tausend Jahren wurde sein Fell weiß und außerdem hatte er dann neun Schwänze und war allwissend. Zwei weitere Deutungen erhielt der Fuchs in der Tiersage und Dichtung, in der er nämlich als schlau und verschlagen bezeichnet wurde. In der christlichen Symbolik wurde er unter anderem mit den Begriffen von Arglist, Habsucht und Verzweiflung belegt. In vielen Märchen tritt er hingegen auch oftmals als ein treuer und ergebener Helfer in der Not auf.

Es wäre jetzt an der Zeit zu dem mir vorschwebenden Wanderer zurückzukehren, dessen Selbstbild es ist, ständig den Durchblick zu wahren. Das Wissen entpuppt sich als seine größte Versuchung und was er um jeden Preis zu vermeiden sucht, das ist die geistige Leere. Aufgrund der Tatsache, daß ihm das Schicksal beziehungsweise der Zufall oder die Fügung Gottes nicht immer gnädig waren und ihm öfters ins Handwerk pfuschten, ergab sich für ihn letztendlich lediglich eine Möglichkeit zur Flucht, und zwar dreht es sich in diesem Fall um den Abwehrmechanismus des Rückzugs von der Welt. Während ich diesen Konzeptionsplan entwerfe, drängen sich mir zwei, in eine nähere Erwägung zu ziehende, Parallelen zwischen dem einsamen Wanderer und den beiden Tieren förmlich auf. Als Metapher für die Flucht des Mannes in die frei gewählte Isolation, könnte sich das abgekapselte Dasein der Eule durchaus als eine gute Wahl erweisen. Im genauen Hinblick auf den sagenumwobenen und stark mystifizierten Fuchs, liegt es recht nahe, wenn auch der Mann angegrautes Haar hat und ihm eventuell ein Finger der rechten Hand fehlt.


© 1998 - Nico S. Hansen

Die Geschichte dazu findet ihr hier.