Wie Mann in den Wald hineinruft, so schallt es heraus

Die Vorüberlegung zu der Geschichte findet ihr hier.

Es war einmal ein Wald, eng bestanden mit schier mächtigen Bäumen und allerlei Getier in ihm lebend, auf den sich ganz allmählich die Nacht hinabzusenken anschickte. Es begannen sich schon zahlreiche Nebelschwaden in dem undurchdringlichen Geäst der Bäume zu verfangen. Das Grün, sich mit letzter Anstrengung gegen die schwindende Sonne zu behaupten, erstrahlte in einer ungeahnten Pracht. Das nächtliche Leben erwachte aus der, von des Tages Macht über manche Tiere verhängten, Ruhe zu neuerlicher Betriebsamkeit. Es stellte sich ein scheinbar nicht endenwollendes Kommen und Gehen von Gottes Geschöpfen ein. Die meisten von ihnen begaben sich zu ihren Schlafplätzen, um sich von ihrem Tagewerk zu erholen, welches ja bereits am nächsten Morgen von Neuem anfangen sollte. Aber für einige Wesen sollte das Leben erst jetzt in der, die Nacht umfangenden, Stille erblühen. Plötzlich wagten sich die merkwürdigsten Gestalten aus ihrem Bau, um sich aufzumachen auf die schwierige Suche nach Nahrung. Auch die Sonne legte sich auf ihr Ruhebett nieder und bis der Mond aufgehen würde, ginge wohl noch einige Zeit ins Land. Der immer dichter werdende Nebel tauchte die gesamte Umgebung in ein nahezu gespenstisches Zwielicht. Sogar ein Fuchs wagte sich aus seiner tiefen Höhle hervor und schlich auf Freiers Füßen umher. Aber es waren auch Kreaturen unterwegs, die sich im Schutze der Dunkelheit ohne auch nur einen Ton von sich zu geben, langsam bewegten. Einige von ihnen waren so gut getarnt, daß es den Anschein hatte, sie seien in den Pflanzen verwoben. Auf einmal schrie eine Eule, ihren Mark und Bein erschütternden, unheimlichen Ruf.

Es begab sich zu der Zeit, daß es einen einsamen Wanderer in diesen finsteren Wald verschlagen sollte. Der Mann hatte ein wettergegerbtes Gesicht, welches von einem stattlichen Bart geziert wurde und auf seinem Kopf thronte ein solches Monstrum von einem Hut, das einem Gestrüpp von Haaren Einhalt gebieten zu suchte. Der Mann hatte eine recht imposante Erscheinung, war dabei aber trotzdem ziemlich unauffällig. Eine eigenartige Besonderheit ließ sich allerdings an seiner rechten Hand ausmachen, denn es fehlte ihr der Zeigefinger. Wenn es in diesem nicht endenwollenden Wald noch andere Menschen gegeben hätte und sie den, in endlosen Erinnerungen schwelgenden, Mann gefragt hätten, was er denn um Alles in der Welt in dieser unwirtlichen Gegend zu tun pflegte, so hätte er selbst keine angemessene Antwort darauf gehabt. Soweit er sich zurückerinnern konnte, war es sein einziger Beweggrund, endlich einmal aus dem Gefängnis des Alltags auszubrechen und sich von der lauten Großstadt abzuwenden. Sein eigentliches Anliegen blieb ihm allerdings weit hinter diesem Gedanken verborgen. Das Schicksal hatte ihm in seinem langen Leben, auf das er jetzt schon zurückblicken konnte, oftmals übel mitgespielt und ihm gnadenlos Streiche gespielt. Bei ihm konnte man keine Einteilung des Lebens in ein Woher oder Wohin vornehmen. Das Dasein, das er zu fristen hatte, lag jenseits von dem, was man gemeinhin als normal oder als seelisch auszuhalten zu bezeichnen pflegt. Trotz allem schwebte ihm persönlich als ein Bildnis seiner Selbst vor, ständig den Durchblick zu bewahren. Als seine größte Versuchung entpuppte sich die Weisheit, daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß er um jeden Preis die geistige Leere zu vermeiden suchte.

Der Mann wurde von der Dämmerung förmlich überrascht. Er machte sich auf den Weg einen möglichen Ort zum Schlafen zu finden, an dem er auch nicht von den wilden Tieren angefallen werden konnte. Zu diesem Zweck streifte er durch das Dickicht und brach mehrere Male durch das Gehölz, bis er endlich eine weit ausufernde Lichtung erreichte. Zu allem Übel fing es jetzt auch noch zu regnen an, so daß der einsame Wanderer von vorn beginnen mußte, sich einen Unterschlupf für die Übernachtung zu suchen. Er wurde sogleich wieder mit seiner gesamten Gestalt von dem wabernden Nebel geschluckt und konnte noch nicht einmal seine eigene, schwer in Mitleidenschaft gezogene Hand vor Augen sehen. In diesem Moment, wo den Mann die aufsteigende Verzweiflung beinahe zu übermannen drohte, stieß die Eule schon wieder einen ihrer Furcht einflößenden Schreie aus. Auch wenn den Mann eigentlich nichts mehr in Angst und Schrecken versetzen konnte, gerade in diesem Augenblick war er überhaupt nicht darauf vorbereitet. Er war inzwischen naß bis auf die Haut und seine Jacke wurde ihm eine Last auf seinen Schultern, das sie von den Regentropfen nur so triefte. Er hätte es sich selbst niemals eingestanden, daß die Feuchtigkeit nicht ausschließlich von dem herabfallenden Regen herrührte. Aber er war über und über mit Schweißperlen bedeckt, die ihren Ursprung in einer durchaus unbegründeten Angst zu finden schienen. Der einsame Wanderer schaute sodann nach der Übeltäterin aus, hatte jedoch große Mühe sie in der Dunkelheit zu orten. Ohne jegliche Vorwarnung sah er sich mit einem Mal einem, ihn unentwegt anstarrenden, Augenpaar gegenüber, denn er hatte die Eule endlich entdeckt.

Diese Begegnung der besonderen Art und Weise traf den Mann zutiefst, auf daß er sich erst einmal von der Eule abwandte, um sich wieder zu beruhigen und seine Seelenruhe erneut erlangen zu können. Währenddessen unternahm der Mond Anstalten in seiner ausgebreitesten Form aufzugehen, um somit gleich einem Hoffnungsschimmer dem Mann seinen weiteren Weg zu weisen. Der Einsame stolperte über Stock und Stein, mit einem einzigen Wunsch in seinem Herzen, so schnell wie irgend möglich diesen grauenhaften Ort zu verlassen. In seiner Rastlosigkeit übersah er den Fuchs und trat ihm prompt auf den geschwungenen Schwanz. Dieser setzte sich selbstverständlich zur Wehr und schnappte linkisch nach des Einsamen rechten Hand. Es fehlte nicht viel, so hätte der nächste Finger daran glauben müssen, Verschütt zu gehen. Wenn man allerdings ehrlich ist, so wäre es dem Einsamen doch ganz recht geschehen, jetzt einmal eine Strafe für sein unachtsames Auftreten zu erhalten. Der Fuchs sah ihn aus zusammengekniffenen Augen unheimlich listig an, so daß ihn neuerdings ein Gefühl der Ohnmacht überkam, weil er nicht wußte, ob es der Fuchs gut mit ihm meinte oder ihm gar ans Leben wollte. Der Fuchs hingegen durchbohrte den Einsamen zunächst noch mit durchdringenden Blicken, schaute aber nach einer geraumen Zeit immer freundlicher aus der Wäsche. Der Einsame konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, der Fuchs wollte ihm irgend etwas zeigen. Und so folgte er dem Fuchs kurz entschlossen und er sollte natürlich auch später noch Recht behalten.

Der Fuchs leitete ihn auf undenkbar verschlungenen Pfaden immer tiefer in den Wald hinein, so daß der Einsame nun gänzlich die Orientierung verlor. Während dieses lang anhaltenden Fußmarsches machten sich im Geiste des Wanderers neuerdings die absurdesten Zweifel breit. Seine wesentlichen Bedenken betrafen die unergründlichen Absichten des Fuchses, der ihm womöglich eine Falle stellen und ihn vollends in die Irre führen wollte. Aber es half alles nichts und zudem packte ihn die Neugier, die es vermochte all seine Furcht mit einem Male aufzulösen. Mit der Zeit ergriff das Gefühl, das er seit jeher sein Leben in diesem Wald verbracht hatte, erbarmungslos Besitz von ihm. Jeder Baum und Strauch, den er erblickte, schien ihm schon seit Ewigkeiten vertraut zu sein. Diese Erfahrung, das Gegenwärtige schon einmal erlebt zu haben, machte einen großen Eindruck auf ihn. Er war sich zutiefst sicher darüber, daß er jenes Erlebnis bis zu seinem Lebensende nicht mehr missen wollte. Vor seinem inneren Auge zeichnete sich ein kaum merkbarer Weg in dem Gewußt von Schlamm und Erde des Waldes ab. Eine noch nie zuvor empfundene Sehnsucht zog den Mann ihren Bann, obwohl er sich solche Anwandlungen sonst immer glattweg versagt hatte, da er sie als trügerisch erachtete. Der Einsame konnte sich nicht des Gefühls entledigen, daß all seine Wünsche, die er jemals in aller Heimlichkeit gehegt hatte, in diesem verwunschenen Wald zu Erfüllung finden sollten. Sei dem Anbeginn der Zeit, so fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, sollte dieser Zauberwald sein Ziel sein.<

Der einsame Wanderer steigerte sich so sehr in diese Geschichte hinein und war auf die Idee, endlich einen Lebenssinn gefunden zu haben, derart versessen, daß er seinen treuen und ergebenen Wegbegleiter völlig aus den Augen verlor. Er schaute sich ruhig und gelassen im Walde um und zu seiner Überraschung stand er mitten auf einer Weggabelung, an der es sich zu entscheiden galt, entweder links oder rechts abzubiegen. Er hatte keinerlei Anhaltspunkte und auch die beiden Wege machten ihm die Überlegung nicht leichter, denn sie erstreckten sich gleichermaßen bis in die Unendlichkeit. Weil der Mann völlig im Einklang mit sich selbst und der Natur stand, brauchte er nicht erst lange zu Fackeln, sondern vielmehr ging er schnurstracks auf die gähnende Leere zu, in gespannter Erwartung, was da wohl kommen werde. Zu seiner außerordentlichen Verwunderung verblaßten die Farben des Waldes, sobald er auf einen der weit ausladenden Pfade trat. Kurz bevor er einen seiner Füße auf deren Boden setzte, wurde die tiefschwarze Nacht zu hellerleuchtetem Tage. Er konnte sich nicht davon abhalten lassen, einerseits den rechten Pfad als auch auf der anderen Seite den linken abzuschreiten. Alsbald wurde ihm klar, daß es sich um einen Tunnel handeln mußte, ja sogar um ein ganzes Tunnelsystem. Der Einsame ließ es sich unter gar keinen Umständen nehmen, die Wände des Tunnels vorsichtig abzutasten. Bald darauf flackerten bunte und bewegte Bilder auf den Wänden, die nämlich mit zahlreichen Spiegeln versehen waren, die wiederum des Wanderers gesamtes Leben Revue passieren ließen.

Zu Bewußtsein kam der einsame Wanderer erst geraume Zeit später wieder, denn die geistige Umnachtung gab ihn nur ungern aus ihren umklammernden Fängen frei. Er erwachte, geschwächt an Körper, Geist und Seele, auf der zuvor entdeckten Lichtung. Von einem Tunnel war weit und breit nichts mehr zu sehen. Ob es nur ein Traum oder Einbildung gewesen war, konnte und wollte der Mann zu diesem ungünstigen Zeitpunkt nicht entscheiden. Er versuchte sich mit großer Kraftanstrengung aufzurappeln, doch all seine Bemühungen schlugen fehl. Er nahm diesen Fehlschlag gleichmütig und ausgeglichen hin. Der Einsame war keineswegs mehr imstande sich an die Vorgänge zu erinnern, die zu seinem Niedergang geführt hatten. Sein Geist war fürderhin nur noch ein unbeschriebenes Blatt, in seinem Herzen brannte eine lichterlohe Flamme, die jedoch auch zu erlöschen drohte. Dieser Brand zehrte bloß von den letztlich übrig gebliebenen Resten seines Lebensrückblickes, denen er sich selber allerdings nicht mehr bewußt war. Er hatte eine dunkle Ahnung darüber, daß es mit ihm nun schnell zu Ende gehen würde. Bevor er seinen allerletzten Atemzug nehmen und sein Leben aushauchen sollte, nahm er gerade noch die Anwesenheit des Fuchses und der Eule wahr. Die Eule war, so hatte es jedenfalls den Anschein, eine Gesandtin von Gevatter Tod, die ein gefälltes Urteil über ihn zu verhängen hatte. Die Eule hockte auf einem knochigen Zweig zur Rechten des Fuchses. In dieser Haltung wachten sie lange Zeit über des Wanderers Totenbett. Die einsetzende Leichenstarre gab ihm ein bleiches und fahles Aussehen. Die verweste Leiche des Wanderers sollte niemals gefunden werden, aber die beiden Tiere besuchten über Jahre hinweg regelmäßig seine Totenstätte.


© 1998 - Nico S. Hansen