Nachdenken über die Jahrtausendwende

Zum zweiten Mal in der modernen Zeitrechnung befindet sich die Menschheit auf dem Weg in ein neues Jahrtausend. Viele Erwartungen gehen dahin, daß mit dem Beginn eines größeren geschichtlichen Zeitabschnitts auch gleichzeitig ein ganz anderes Zeitalter anbricht, in dem es zu einer entscheidenden Weiterentwicklung in der Geschichte der menschlichen Kultur und Sittlichkeit kommen könnte.

Die Menschheit bekommt an dieser Zeitenwende eine Chance viele der weltweit ungelösten Probleme neu zu definieren, und mit großem Mut entschlossen anzugehen. Eine solche Wende ist demnach von großer Wichtigkeit und könnte Hoffnung für viele bedeuten. Ob die Menschheit mit dieser Aufgabenstellung aber nicht vielleicht sogar überfordert ist, läßt sich noch nicht vorhersagen. Alle Möglichkeiten sind gegeben durch wohlüberlegtes Handeln zu beweisen, daß wir in der Lage sind, Dinge zu verändern und sie positiv neu zu gestalten. Eine große Portion Mut und gegenseitiges Vertrauen der Menschen sind unverzichtbare Elemente für den neu zu beginnenden Prozeß des Lernens und des Verbesserns von Mißständen. Regierungen sind gefordert neue Orientierungen und Ziele zu vermitteln und dem Einzelnen Spielräume zu schaffen, in denen auch ihm Gelegenheit gegeben wird, in seinem kleinen Bereich an einer Verbesserung der Probleme in unserer Welt mitzuwirken.

Es ist also gut möglich, daß die kommende Zeit von einem neuen Geist der Veränderung und des Umbruchs belebt wird. Dieser neue Zeitgeist könnte sich in einer Neuformierung geistiger Werte mit einer neuen Art des Denkens und Fühlens äußern, in der traditionelle Lebensweisen und Einstellungen sich grundlegend ändern.

Wir haben die gute Gelegenheit an dieser Zeitenwende aktiv mitzubestimmen und mitzugestalten, wie die Welt im nächsten Jahrtausend aussehen soll. Wir alle können selbst ein ganzes Stück Zeitgeschichte mitschreiben, deren Ausführung und Bewältigung dann die Aufgabe der nachkommenden Generationen sein wird, die hoffentlich von guten Vorgaben profitieren können. Wir sollten uns sehr der Tatsache bewußt sein, welches Privileg es ist, diese Jahrtausendwende miterleben zu dürfen. Viele Generationen vor und nach uns haben und werden diese Chance niemals erhalten.

An dieser Zeitenwende gehört es meiner Meinung nach neben der Ausrichtung auf die Zukunft genauso dazu, daß wir unsere geschichtliche Vergangenheit aufarbeiten und bewältigen, um den nachfolgenden Generationen keinen Schutthaufen aus Schuld und ungelösten Problemen zu hinterlassen. Wir befinden uns in der einzigartigen Situation, in zwei geschichtlichen Zeitabschnitten mitwirken zu dürfen, sowohl in der Vergangenheit des ausgehenden wie auch in der Zukunft des kommenden Jahrtausends. Ganz grundsätzlich wird sich in dieser Phase eine stärkere Sensibilisierung und eine gesteigerte Wahrnehmung der Zeit ergeben. Selbstverständlich werden alle unsere Handlungen in der Gegenwart ausgeführt. Dennoch können sie vergangenheitsbezogen wie auch zukunftsbezogen sein. Durch das geänderte Bewußtsein der Zeit ergibt sich am Anfang dieser neuen Epoche für jeden Einzelnen ein verstärktes Erleben von Gedanken und Gefühlen, von Hoffnung und Furcht gleichermaßen.

Notwendig wird es sein, die Zeit mit sinnvollen, die Zukunft gestaltenden Dingen auszufüllen. Wir können es uns nicht erlauben passiv zu sein, und nur von unseren Erinnerungen zu leben. Die Menschen müssen sorgfältiger mit ihrer verfügbaren Zeit umgehen und haushalten. Es ist mehr als je notwendig, sie mit den wirklich wesentlichen Inhalten der menschlichen Existenz zu füllen.

Wir leben heute in einem Zeitalter der Revolutionen, und dieses in mehrfacher Hinsicht. Nationalistische, fundamentale Politik entlädt sich in Kriegen in vielen Teilen der Welt und ist dabei, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, während gleichzeitig Wissenschaft und Forschung ständig sensationelles neues Wissen produzieren, mit dem eine bessere Welt geschaffen werden könnte. Es liegt nun an uns, dieses neue Wissen produktiv zum Wohle der ganzen Menschheit zu nutzen. Zum Beispiel findet gerade eine Neuorientierung in der Informatik und Computertechnologie statt, und von der Gentechnologie und den Experimenten im Weltall oder auch von den vielen Experimenten in den high tech Labors der Industrie, kann man noch vieles erwarten. Meiner Meinung nach könnte es sehr bald zu einer Phase der Vergeistigung kommen, da in einer Zeit wachsender Unsicherheit in Politik und Wirtschaft sich Menschen nach einem neuen Halt und neuer Orientierung sehnen. Dieses findet verstärkt seinen Ausdruck in der Sehnsucht nach Glaubensinhalten sowohl innerhalb als auch verstärkt außerhalb der etablierten Religionen. So versucht man wenigstens ansatzweise dem Sinn des Lebens ein Stück näher zu kommen. Im Verlauf der letzten Jahrhunderte war Glaube und spirituelles Wissen in eine das Leben des Einzelnen beherrschende Position gerückt. Religion und Staat nutzten gleichermaßen diese Glaubensabhängigkeit immer wieder für ihre eigenen Ziele und zu ihrem eigenen Vorteil aus. Durch wachsenden materiellen Wohlstand und eine sich revolutionär entwickelnde Informationstechnik, die viele wohlgehütete Mythen und Geheimnisse entzauberte, ging diese beherrschende und in vielfacher Weise auch stabilisierende Position stückweise verloren. Das dadurch entstehende Wertevakuum konnte jedoch nicht ausreichend ausgefüllt werden. Mit dem Näherkommen der Zeitenwende wird dieser Wertverlust verstärkt thematisiert und vielen Menschen schmerzhaft bewußt gemacht. Religion, und noch mehr Sekten, werden in dieser Phase der Unsicherheit neu wiederentdeckt. Auch das sogenannte Übersinnliche erhält wieder einen größeren Reiz für die Menschheit, da man in der Spiritualität Antworten für quälende Fragen erhofft, die sonst nirgendwo gegeben werden. Dies ist vielleicht auch eine Erklärung dafür, daß umstrittene Sekten wie Scientologen oder Mun einen so regen Zulauf erhalten. In diesen Zeiten spricht man auch wieder einmal von dem Phänomen des bevorstehenden Weltuntergangs. Ich meine zwar, daß wir solch ein Ende nicht verdient haben, kann mir aber eine dramatische Veränderung der Welt lebhaft vorstellen. Eigentlich würde es uns sogar einmal ganz gut tun, wenn Druck und Bedrohung von außen so auf die Menschheit einwirken würden, daß sie in solch einer Situation der Angst vor einem möglichen Ende, ehrlich gemeinte Begriffe wie Liebe, Menschlichkeit und Solidarität neu entstehen lassen könnten. Untergang beinhaltet neben dem Verlust ja auch die Chance für einen Neuanfang auf anderer Ebene. Genau an dem Punkt, an dem wir uns auf den Weg in ein neues Jahrtausend begeben, gibt es kein zurück mehr. Wir sind gefordert, die Zukunft zu gestalten. Man darf jedoch nicht leugnen, daß wir auf diesem Weg des Fortschritts auch Opfer bringen müssen und sei es nur, daß Altvertrautes verschwindet und unbekanntem Neuen Platz machen muß. Fortschritt entsteht durch unseren Verstand, aber er wird uns nur dann Nutzen bringen, wenn unsere Vernunft ihn kontrolliert und ihm den Weg weist. So hat zum Beispiel die Computerisierung zwar hauptsächlich praktischen Nutzen, aber auch den negativen Nebeneffekt des Verlustes der menschlichen Fähigkeit zur Kommunikation. Die Herausforderung heißt hier Möglichkeiten zu finden, daß der Fortschritt vorhandenes Positives nicht unterdrückt, sondern eher in sich vereint, darauf aufbaut und weiterentwickelt. Es ist schon ein großartiges Ziel, eine neue Welt im nächsten Jahrtausend zu errichten. Hier sollen in idealer Weise alle Menschen glücklich und solidarisch miteinander leben, Krieg, Furcht, Unterdrückung und Bedrohung verschwinden, und wir uns um die wirklichen Herausforderungen im Umweltschutz und in der Medizin kümmern um das langfristige Überleben der ganzen Menschheit zu sichern. Daran mitzuarbeiten sollte eine spannende Herausforderung sein.


© 1998 - Nico S. Hansen