Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Mein Bruder starb an einem Sonntag, nur fremd blieb er mir nicht. Ich meinte ihn besser zu kennen, als er sich selbst oder mich. Ob diese Einschätzung angemessen sei dahingestellt, über ihn zu sprechen schwer genug. Ich sage Bjarne sei mein Bruder, was gleichzeitig wahr und falsch ist. Obschon wir nicht gleichen Blutes waren, verband uns ein viel festeres Band. Von der höchsten Warte aus festgelegt, nach menschlichen Maßstäben unmöglich zu bestimmen. Seit Jahren schon war es sichtbar, er war von der Krankheit gezeichnet. Um welche es sich dabei handelte, soll jedoch mein trauriges Geheimnis bleiben. Die Ursache dafür liegt schlichtweg darin, daß mir ebensolcher Weg vorgeschrieben ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bin ich wohlauf, jedoch arbeitet die Krankheit im Verborgenen. Es ist eine Krankheit zum Tode, jeder kann von ihr heimgesucht werden. Ich will ihn in Erinnerung behalten, denn mir wird sie versagt werden. Ich erwartete seinen Tod jeden Tag, seit mehr als einem langen Monat. Was mich in die Verzweiflung trieb, war daß ich seinem Kampf beiwohnte. Die beiden Gegner waren zunächst ebenbürtig, zeitweise errang mein Bruder die Oberhand. Er und ich wußten aber beide, daß sich seine Niederlage längst ankündigte. Ich sah es in seinen Augen, Gevatter Tod wollte sich seiner bemächtigen. An jenem Sonntag war es soweit, das Finale stand ihm jetzt bevor. Wie immer suchte ich ihn auf, um ihm etwas Trost zu spenden. Dieses Mal war es allerdings anders, war ich es der ihn empfing. Das Licht seines Zimmers war heller, und zwar sogar um ein Vielfaches. Die Züge seines Gesichts waren ebenmäßig, seine Haut wies gesunde Farbe auf. Es deutete nichts auf Tod hin, nein er wirkte eher wie geheilt. Beinahe rechnete ich mit einem Wunder, welches er mir gleich mitteilen würde. Sein Tonfall war gelöst und freudig, im Gegensatz zum Inhalt seiner Worte. Er sprach gefaßt aber doch langsamer, jedes Wort bereitete ihm große Mühe. Jeder Satz nahm Last von ihm, er war also am Ziel angelangt. Es erschien mir als geheiligter Augenblick, ich weiß er fühlte es genauso. Seine Art und Weise zu sterben, enthielt sowohl Bejahen als auch Bedauern. Er ergab sich in dem Glauben, daß Gott ihm gnädig sein würde. Er war nie ein religiöser Mensch, doch verlangte er nach einem Priester. Zwar liebte er sein Leben allezeit, empfand er es doch als Geschenk. Aber ebenso fest glaubte er daran, daß auch der Tod Sinn habe. Damals hielt ich ihm die Hand, während sein Griff sich zusehends abschwächte. Ich spürte seinen Druck kaum noch, was ich ihm zu verbergen suchte. Aber er war der Wahrheit näher, und in seiner Schwäche der Stärkere. Freilich war dies nicht immer so, mußte auch er gewissen Versuchungen widerstehen. Mitunter wollte er sich eigenhändig umbringen, wobei auch dies verständlich gewesen wäre. Womöglich töten sich gerade diejenigen Menschen, die ganz besonders am Leben hängen. Vorwürfe hätte ich ihm keinerlei gemacht, wenn es mich auch erschüttert hätte. Allerdings blieb ich ihm eines schuldig, obwohl er nicht einmal danach fragte. Insgeheim erbat er sich einen Gefallen, den ich ihm sogar erfüllt hätte. Vielleicht lag der Fall auch anders, und ich wollte ihn nur erlösen. Manches Mal ertrug ich es nicht, ihn unsäglich leiden sehen zu müssen. Er ließ es sich nie anmerken, sogar wenn ihn fürchterliche Schmerzen quälten. Sicherlich durchlitt er unzählige dunkle Stunden, aber nie wenn ich nahe war. Die Hoffnung erhielt ihn am Leben, denn er sagte diese stürbe zuletzt. Daß sie letztlich zu schwinden begann, verdrängte er mit lediglich zweifelhaftem Erfolg. Er hinterließ mir zwei kleine Schriftstücke, sozusagen eine Form Vermächtnis für mich. Abgefaßt im Stile eines schlichten Gedichtes, erschlossen sich mir zwei seiner Überzeugungen. Allerdings muten diese etwas widersprüchlich an, sind meines Erachtens jedoch unbedingt zusammengehörig. Indem ich seinen Tod allmählich schildere, versuche ich diesen noch nachträglich aufzuhalten. Denn in Wirklichkeit ging es rascher, im Verhältnis der Leidensjahre zu schnell. Ich weiß ich berichte ohne Zusammenhang, tief empfundene Trauer betäubt meinen Geist. An dieser Stelle soll er sprechen, indem ich das eine Gedicht erwähne. Es klingt für meinen Geschmack verzweifelter, als er meines Wissens jemals war.

Das Leben ist mir eine Last,
Hab' so manche Chance verpaßt.
Das Leben ist mir eine Plage,
Auf daß ich's kaum mehr ertrage.
Das Leben ist mir eine Qual!
Doch hab' ich eine and're Wahl?

Vermutlich entging er der erdrückenden Verzweiflung, indem er sich ihr sogar auslieferte. Die oben stehenden Verse enthalten sie, seine Seele hingegen mag sie entbehren. Insofern er dem Tode geweiht war, wollte er diese Bürde würdig tragen. Das ist wohl eines der Dinge, die mir zu lernen noch bevorstehen. Eigentlich hätte er mein weiser Lehrer, ich sein folgsamer Schüler sein sollen. Er teilte seine Erfahrungen mit mir, aber ich war noch nicht bereit. Jetzt hat er sich davon gestohlen, ich werde ihn nicht fragen können. Meine Frage wäre es nämlich gewesen, wie man den Tod aushalten könne. Zum Glück war es ihm vergönnt, mir seinen letzten Willen zu offenbaren. Dieser richtete sich keineswegs auf Irdisches, denn dieses ließ er hinter sich. Nein es ging um seine Ruhestätte, und ich erahnte welche er wünschte. Begraben sein wollte er nämlich dort, wo er versonnene Stunden durchlebt hatte. Sein Grab sollte unter Bäumen sein, die ihm sozusagen Schutz spenden könnten. Mir war der gewünschte Platz wohlbekannt, und mir wäre kein schönerer eingefallen. Er nahm mir das Versprechen ab, seinem Wunsch unbedingt Folge zu leisten. Und was sollte ich anderes tun, als ihn der Ausführung zu versichern. Ich der bis auf Weiteres Lebende, war ihm dankbar für diese Wahl. Denn mich beruhigte der Gedanke ungemein, ihn an seinem Grab zu besuchen. An seinem Bette sitzend weinte ich, was mich verblüffte war er lächelte. Er hatte den Tod bereits überwunden, obwohl er noch am Leben war. Es gab doch eine ausgleichende Gerechtigkeit, die ihm letzten Endes zuteil wurde. So schwer sein Leiden gewesen war, so leicht wurde sein letzter Gang. Sein Blick kehrte sich nach innen, und ich dachte er wäre entschlafen. Jedoch kam er noch einmal zurück, es lag eine Gewißheit in ihm. Der Sterbende zeigte mir Überlebenden dadurch, Furcht vor dem Tode sei unnötig. Sinngemäß waren seine letzten Worte ungefähr, lebe und sterbe wohl in einem. Ich sah ihm in die Augen, er konnte meinen Blick nicht erwidern. Denn er war dem Leben entglitten, ich konnte nichts für ihn tun. Ich schloß ihm seine leblosen Augen, und küßte ihn auf die Stirn. Ich verweilte stundenlang an seinem Totenbett, und war selbst wie ein Toter. Als ich mich Stunden später erhob, hatte die Leichenstarre schon bereits eingesetzt. Der Priester traf erst jetzt ein, sodaß er mir Beistand leisten konnte. Vielleicht wollte mein Bruder es so, der Priester war für mich bestellt. Es bleibt mir wenig zu sagen, denn ich bin gelähmt und sprachlos. Seitdem vergingen inzwischen sehr viele Tage, aber ich zähle sie nicht mehr. Es mag wahrscheinlich den Anschein haben, ich wäre sein einziger Vertrauter gewesen. Aber er wollte unsere Familie schonen, daher starb er in meiner Gegenwart. Zunächst klagten mich einige Verwandte an, obwohl mich dies nicht einmal traf. Vorzuwerfen hatte ich mir schließlich nichts, es war ja seine alleinige Entscheidung. In ihrer Trauer waren sie hilflos, beim Begräbnis entschuldigten sie sich wieder. Allen Anwesenden liefen die Tränen herunter, mit der Ausnahme von meiner Wenigkeit. Als sein Sarg endgültig versenkt wurde, wollte ich mich auch hinab stürzen. Ich rief mir ins Gedächtnis zurück, daß er einen sanften Tod hatte. Für mich hatte dies etwas Tröstliches, jedenfalls den Tod meines Bruders betreffend. Auch wenn der Alltag wieder einkehrte, erging es meiner Seele immer schlechter. Ich fürchtete mich vor meinem Hinscheiden, obwohl es nicht einmal näher kam. Ich bewundere meinen Bruder andauernd dafür, wie leicht er offensichtlich sterben konnte. Es scheint also besonders darauf anzukommen, im richtigen Augenblick loslassen zu können. Ach wie sehr wünsche ich mir, daß es auch mir möglich sei. Ich fürchte mich vor allem davor, ob sich jemand meines Andenkens erbarmen würde. Aber daran sollte ich nicht denken, sondern vielmehr wieder ans Leben glauben. Bislang war es mir ja gnädig, obwohl ich mitunter die Krankheit fühle. Ein paar Jahre bleiben mir sicherlich, und diese will ich gut nutzen. Ich halte es mit meinem Bruder, der im zweiten Gedicht Folgendes schrieb. Mit diesem Gedicht enden diese Zeilen, welche mich um ein Großteil erleichterten. Beide dieser Gedichte in eins gesetzt, enthielte schwerwiegendes Leid und Auslöschung desselben. Auch wenn selbst die Hoffnung stirbt, man bedenke dabei sie stirbt zuletzt.

Was dem Menschen beschieden ist und was er war,
Doch wohl erst beim Scheiden wird es einem klar.
Wir bemerken nicht was Gott ihm alles aufgesummt,
Aber erschrecken zutiefst wenn Sein Rat einmal verstummt.
Man nimmt Abschied in Liebe und in Dankbarkeit,
Jeder für sich in stiller Trauer beim letzten Geleit.


© 2002 - Nico S. Hansen