Wenn ein Brief tötet

Ich möchte hier eine Geschichte aufschreiben, die teils real teils fiktiv ist. Jedoch liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, wird also nicht durch Erdachtes verdeckt. Wobei es sich nun dabei handelt, ist als eine Beziehung zu begreifen. Genauer genommen als Beziehung zwischen Liebenden, und so sah es anfangs aus. Wo sie sich kennen gelernt haben, tut hier nichts weiter zur Sache. Viel wichtiger ist wie sie liebten, denn zu Beginn war es Liebe. Sie liebten sich ohne gegenseitiges Bildnis, es gab eine unausgesprochene Abmachung miteinander. Beide wollten sich nur Gutes tun, und zwar um des Guten willen. Sie wollten damit nicht einander werben, sondern sie gingen in Liebe auf. So weit zwischen ihnen Harmonie war, andere beäugten ihre Beziehung mit Zweifeln. Dabei ging es besonders um Äußerlichkeiten, sozusagen eigentlich leicht zu behebende Mißverständnisse. Da sie dies nicht sonderlich einschränkte, unternahmen sie diesbezüglich auch keinerlei Anstrengungen. In ihrer Familie verhärtete es sich, sie bot zunehmend Gründe des Unbehagens. Daß dies zu ihrem Schutz war, dessen war sie sich nicht bewußt. Aus Kleinigkeiten wurde eine allgemeine Ablehnung, der Eltern ihr und ihm gegenüber. Die beiden Liebenden merkten es nicht, daß sich viele gegen sie verschworen. Sie liebten sich wie beim Kennenlernen, ihre Liebe wuchs sogar jeden Tag. Wer weiß vielleicht wäre alles wunderbar, hätte man sie bloß nur gelassen. Dies beinhaltet weder Vorwurf noch Schuldfrage, es ist nur eine mögliche Variante. Im Verlaufe verschlimmerte sich ihre Lage, denn ihre Familien waren nahezu verfeindet. Seine Familie sprach dies nicht aus, ihre aber in einem unverhältnismäßigen Ausmaß. Beide verboten ihren Kindern den Umgang, und vielleicht war dies der Wendepunkt. Dies steigerte ihre Liebe umso mehr, sie wollten um jeden Preis zusammenbleiben. Sie klammerten sich buchstäblich fest aneinander, keiner wollte den jeweils Anderen verlieren. Dies machte sie jedoch voneinander abhängig, sie aber hielten es für Liebe. In ihrer abgrundtiefen Verzweiflung schrieb sie, sie schrieb eine Form von Abschiedsbrief. Dafür hielt er es zumindest sofort, auch wenn sie es nicht beabsichtigte. Sehen wir uns diesen Brief an, damit wir die Situation besser verstehen.

ich weiss nicht, was ich sagen soll
bin vor not ganz stumm
das, was wir befürchtet haben
ist geschehn und wirft mich um
vater ist ganz unbeirrbar
droht mir alles an
womit man mir angst einjagen
und mich lähmen kann
weiss nicht wie es weitergeht
kenne keinen weg heraus
ich bete nur die schwere prüfung
löscht mich nicht vollkommen aus

Schon vor dem Öffnen dachte er, daß es ein unheilvolles Ende nähme. Ob durch Eltern oder Brief beeinflußt, in diesem Moment veränderte sich etwas.

oh diesen brief darf ich
nicht lesen
denn oh mit diesem brief nimmt
sie abschied von mir
unsere liebe darf nicht überleben
und mit dem öffnen dieses briefs
sterben wir

Dies mögen seine ureigensten Gedanken sein, die er damals empfunden haben wird. Er sah sich von allen bedroht, sogar von seiner ehemals größten Liebe. So überkam ihn das gefährliche Bedürfnis, ihre Liebe zu ihm zu kontrollieren.

In Wirklichkeit verhielt es sich anders, es war nicht jene vergebliche Liebe. Vielleicht war diese in anderem mitbeinhaltet, was aber mehr als zerstörerisch war. Wenn es aber nicht Liebe war, mußte es nicht zwangsläufig Haß sein. Wenn man sie beide gefragt hätte, hätten sie angegeben es sei Liebe. Und zwar eine der bedingungslosen Art, die auf besonders ernste Weise verliefe. Funken von Liebe waren unbestreitbar vorhanden, nur entbehrten diese des Quentchens Glück. Zu Beginn mögen sie vorhanden gewesen, im Verlaufe aber verloren gegangen sein. An dieser Stelle sei es offenbart, daß sie sich nur noch bekämpften. Zum Beispiel schlug er sie desöfteren, was sie stets vor anderen leugnete. Meinetwegen aus zu tief empfundener Liebe, jedenfalls brach bei ihnen Eifersucht aus. Das äußerte sich in verschiedenen Formen, hatte allerdings einen ganz ähnlichen Ursprung. Er schränkte ihre Freiheit zunehmend ein, sie ordnete sich umso mehr unter. Wenn jeder einmal für sich war, ging der Kampf im Stillen weiter. Beide suchten nach Möglichkeiten des Streits, scheinbar ohnmächtig sich einfach zu lieben. So verbrauchte sich ihre Zuneigung selbständig, sodaß sie nichts mehr füreinander empfanden. Besser gesagt sie fühlten schon etwas, etwas was anstelle ihrer Liebe trat. Es war sich gegenüber stehende Verachtung, die sie sich allzu gern zeigten. Wie es zu diesem Wechsel kam, vermöchten sie selbst nicht zu sagen. Je heftiger allerdings ihre Auseinandersetzungen waren, desto harmonischer verliefen jedoch ihre Versöhnungen. Es waren dies Inseln des Glücks, welche sodann wie Atlantis wieder versanken. Und bis sie es neu entdeckten, vergingen oft Wochen eines erbitterten Gefechts. Warum aber trennten sie sich nicht, was doch offensichtlich das Beste wäre. Sie bildeten sich insgeheim unverändert ein, daß es einzig wahre Liebe sei. Sie belogen also nicht nur einander, sondern vielmehr belogen sie sich selbst. Beide glaubten aus tiefer Überzeugung daran, daß sie irgendwann wieder glücklich würden. Solange sie aber auch darauf warteten, dieses Glück war ihnen nicht bestimmt. Sie konnten sowohl nicht zusammen leben, als auch nicht jeder für sich. Würde einer diesem Teufelskreis entrinnen wollen, der andere würde ihn daran hindern. So unternahmen sie wechselseitig zaghafte Versuche, diesem unguten Verhältnis entfliehen zu können. Späterhin sollte es sogar dazu kommen, daß sie sich ein Kind wünschten. Dieses sollte eines der Liebe sein, beziehungsweise sie einander wieder näher bringen. Auch wenn dies schlichtweg Irrglaube war, so vertrauten sie auf diese Idee. So schliefen sie viele Male miteinander, in dieser Vereinigung sogar beinahe glücklich. Wie aber schon bereits absehbar war, es sollte nicht zur Geburt kommen. Eines Tages kam sie etwas verspätet, und in ihm brodelte die Eifersucht. Er richtete sie so übel zu, daß ihr Leben gar gefährdet ward. Aber sie sollte diesen Angriff überleben, was ihre Liebe zu ihm stärkte. Er war ernsthaft zur Veränderung bereit, denn eines hatte ihn zutiefst erschüttert. Durch seine unberechenbar ausbrechende Eifersucht beherrscht, zerstörte er zwar nicht ihr Leben. Aber er zerstörte das des Ungeborenen, was ihn kurzzeitig zur Vernunft brachte. Einige wenige Wochen sah es aus, als würde ihre Liebe neu entflammen. Vor allem er behandelte sie zuvorkommend, und sie ließ ihn empfangend gewähren. Sie fühlte sich bei ihm geborgen, war sogar für das Geschehene dankbar. Wer weiß vielleicht wärs gut geendet, wäre seine Eifersucht gänzlich geheilt gewesen. Es sollte sich folgender Maßen ereignen, daß sie den nötigen Anlaß gab. Obschon sie es ohne Absicht tat, erblicke er darin den größten Verrat. Sie traf sich mit einem Bekannnten, und aus Zufall war er zugegen. Der Treffpunkt war ein recht merkwürdiger, eine über die Autobahn führende Brücke. Er war auf dem Weg nachhause, als er sie mit Xaver erblickte. Er fuhr auf die Brücke hinauf, und hielt mit Vollbremsung bei ihnen. Er erlebte eine zu freundliche Liebkosung, was eine seinerseits folgenschwere Tätlichkeit auslöste. Er wollte den vermeintlichen Nebenbuhler niederwerfen, dieser verteidigte sich jedoch nach Kräften. So sollte ihre Geschichte tragisch enden, denn er fiel von der Brücke. Dieser Sturz brach ihm das Genick, unter ihm bildete sich eine Blutlache. In ihrer Verzweiflung kam der Gedanke, sich jetzt auch hinunter zu stürzen. So kam sie also zu Tode, ihre Liebe war doch nicht unsterblich. So es ihnen im Leben unmöglich, mit Glück würden sie jenseitig glücklich. Beide Familien vergaßen ihr Zerwürfnis schnell, ob des großen Unglücks ihrer Kinder. Vielleicht verziehen sie einander im Grabe, indem ihr Gott die Hoffnung aufpflanzte. Was die beiden kursiven Texte angeht, sie sind nicht vom aktuellen Verfasser. Es sei darüber zumindest soviel gesagt, daß sie von einem Mannheimer stammen. In Abwandlung kam sein Name vor, hoffentlich wird er mir dies nachsehen.


© 2002 - Nico S. Hansen