Der Fehler im System [oder bar jeder Logik]

Der Fehler im System hier, fordert 'ne Entscheidung“

[Hier eine Gebrauchsanweisung für den Leser, es wird eine erzählte Geschichte folgen. Diese besteht aus insgesamt vier Teilen, drei Prämissen und ihre Konklusion enthaltend. Man könnte die Konklusion auch voranstellen, allerdings benötigt diese zwingend ihre Prämissen.]

Prämissen (1. - 3.)

1. „Großvater“-Variante

Es war am Tag nach dem zweiten Advent, wo ein als lang eingestuftes Leben enden sollte. Man schrieb das Jahr einundneunzig im zwanzigsten Jahrhundert, wo seine Lungen ihre Funktion endgültig verlieren sollten. Montag morgens um sechs Uhr verstarb er neunzigjährig, ohne daß überhaupt jemand davon Notiz nehmen sollte. Hinterlassen sollte er zwei Kinder und zwei Enkel, sowie seine mit ihm in Zweitehe lebende Frau. Im Alter von dreißig Jahren schwängerte er erstmals, sodaß seine erste Frau ihm den Erstgeborenen gebar. Jene war jedoch zum Tod unfähig zu trauern, sodaß es der Verbliebenen oblag die Trauer aufzubringen. Auf die Frage seiner Lebensbilanz ergäben sich Standardantworten, die jedoch aufgrund ihrer Ungenauigkeit nur Äußerlichkeiten wiedergäben. Die Vorteile eines solchen Verfahrens lägen immerhin darin, daß man sich diesbezüglich auf Fakten stützen könnte. Was ohne Zweifel um ein Vielfaches interessanter wäre, wären die mit ihm gestorbenen Gedankengänge und Gefühlsregungen. Da es für diese allerdings keine Überlieferung gibt, braucht der alte Herr auch nicht weiter interessieren.

2. „Vater“-Variante

Zehnter November anno neunzehnhundertzweiundneunzig war ein ausgesprochener Scheißtag, was ihm jedoch nicht mehr gelingen sollte auszusprechen. Denn sollte ihn ein Schlag des Herzens ereilen, der heftig genug war jeden weiteren Herzschlag auszuschließen. Seine Exfrau davon unbeteiligt die Jetzige umso mehr, und zwar in der festen Überzeugung eines Mordfalles. Nicht nur die erste Hilfe sondern jede verspätet, sollte sein ansonsten so stinknormales Leben vorzeitig beenden. Unabhängig von einem kirchlichen oder sonstigen gesetzlichen Feiertag, der Notarzt ohne eigene Not eher in Feierlaune. Seiner gefallenen Tochter die Chance einer Versöhnung nehmend, seinen zweitgeborenen Sohn gewissen Taten der Verzweiflung näherbringend. Der weder eine Komödie noch Tragödie darstellende Vorfall, hätte auch jeden Anderen diesen Tag treffen können. Zwar ein Individuum sein Tod dennoch wenig individuell, fortan konnte es ihm alles sowieso gleichgültig sein. Obschon seine Angehörigen ohne jeden Trost zurückbleiben sollten, auch der Schmerz würde früher oder später vergehen. Die möglichen Verursacher eines potentiell aufhaltbaren Todes ungeschoren, aber was brächte ein Gerichtsprozeß den Überlebenden ein.

3. „Sohn“-Variante

Warum er sich letzten Endes unbedingt umbringen mußte, das hätte wenn nur er selbst begründen können. Seine Schwester unternahm einen halbherzigen Versuch der Rettung, aber sich den Kopfschuß gebend ihm doch egal. Seine Hinterlassenschaft keine Ehefrau und auch keine Kinder, er hatte nach einem Vierteljahrhundert keinen Bock mehr. Über die Strafbarkeit eines Selbstmordes eh nur lachend, setzte er seinem beliebigen Leben ein jähes Ende. Seine beiden Vorväter verlor er kurze Zeit vorher, lernte aber nicht einmal aus deren lebenslänglichen Erfahrungen. Ursprünglich ein hoffnungsfroher Mensch entwickelte er sich schlecht, vielleicht nahm er einmal eine folgenschwere falsche Abzweigung. Eine Woche nach dem Tag der Deutschen Einheit, löste sich trotz der politischen Einheit seinige auf. Kind der Liebe gezeugt im Sommer der Liebe, wurde er Opfer seines Selbsthasses oder so ähnlich. Sogar sein Abgang war dermaßen unprofessionell geplant gewesen, man hätte ihn aufgrund dessen fast bedauern können. Jedenfalls zog er einen Schlußstrich unter sein Leben, und unter dem Strich blieb lediglich seine Leiche.


Konklusion (+ 0.)

0. Also folgt daraus: der Systemfehler fordert eine Entscheidung.

Diese Geschichte könnte man anders erzählen, wurde hier doch Logik zugrunde gelegt, aber eine Form von Geschichte bleibt, zwischen den Prämissen und der Konklusion. Man betrachte nun das gesamte Argument, indem die Eckdaten zunächst gesammelt werden, um daraus etwaige Schlüsse zu ziehen, sozusagen dem Sinnlosen gewissermaßen Sinn zuzuschreiben. Die drei Prämissen ergeben obenstehende Konklusion, sie enthalten jeweils ein bestimmtes Lebensende, und zwar im Verlaufe dreier Generationen, dies wird in aller Sachlichkeit analysiert. Implizit sollen drei Leben nachgezeichnet werden, ungeachtet des in ihnen liegenden Pathos, was ihnen nicht abgesprochen werden soll, aber an dieser Stelle irrelevant ist. Objektiv ist das einzig letztendlich Überbleibende, eine ganze Fülle von unterschiedlichen Daten, der drei so verschieden gestalteten Leben. Beginnen werden soll mit den Todesdaten, erstens die des Großvaters nämlich 09.12.1991, zweitens sodann die des Vaters 10.11.1992, und letztendlich die des Sohnes 11.10.1993. Was man anhand dessen ablesen kann, ist der im Grunde unwichtige Umstand, daß zwei Male montags gestorben wurde, und im mittleren Fall am Dienstag. Daran kann man weiterhin folgendes erkennen, gleichermaßen wie die Monate jedesmal abnehmen, nimmt der Tag im Monat zu, außerdem steigt die Jahreszahl um eins. Anno 1901 und 1932 und 1968, sind mehr oder weniger belanglose Jahre, über die sich Andere auslassen dürfen, die beispielsweise in ihnen geboren wurden. Kinder bekamen sie dreißigjährig und fünfunddreißigjährig, wobei der Sohn dieses Ereignis ausließ, also die vorgelebte Tradition nicht fortführte, was im möglichen Bereich gelägen hätte. Dahingestellt sei ob es Zufälle sind, oder aber obs so sein sollte, das weiß nämlich nur der Systemadministrator, und dies erst beim jüngsten Gericht. Aber es soll sachlich geblieben werden, und weiterhin alle Vorkommnisse aufgeführt werden, um immerhin das Übriggebliebene zu bewahren, und die Personen nicht zu vergessen. Dem Großvater und Vater wird attestiert, daß sie beide zweimal verheiratet waren, des Ersten zweite Frau blieb kinderlos, bei dem Anderen verhälts sich andersrum. Diese Beiden bekamen Tochter und Sohn, der Dritte im Bunde weder noch, was ja schon bereits bekannt ist, aber nicht in Vergessenheit geraten soll. Vermutlich liegt es nicht am Alter, daß der Sohn und Enkel ablebte, ohne jemanden an seiner Statt zurückzulassen, sondern vielmehr in seiner Verfaßtheit begründet. Es gleicht einer Form von Ausbruch, daß er genau das nicht fortführte, was ihm Großvater und Vater vorlebten, warum auch immer dies so sei. Vater und Sohn und Heiliger Geist, der Großvater von Vorgenannten so betitelt, bilden in ihrer Dreiheit eine Einheit, obwohl diese schwer zu erkennen ist. Was hier noch ergänzt werden sollte, ist der folgende etwas frappierende Umstand, daß die Schlechtigkeit ausgerechnet diejenigen traf, welche allesamt der männlichen Linie entstammten. Was als sogenannte Schlechtigkeit bezeichnet wird, ist mit der jeweiligen Todesart gemeint, denn nie war es eine natürliche, sondern immer eine von Außen kommende. Auffällig sind auch die betroffenen Körperteile, der eine von einer Lungenentzündung dahingerafft, der andere mitten ins Herz getroffen, und der Letzte sein Gehirn verspritzend. Somit wurde jetzt alles soweit analysiert, insofern es heute noch überliefert ist, alles Andere nahmen sie ins Grab, beziehungsweise verblieb im Kreise der Angehörigen. Daß die angewendete Sachlichkeit brutal wirkt, ist auch dem Verfasser deutlich bewußt, welcher sich um größtmögliche Objektivität bemühte, wenn auch mit einem sarkastischen Tonfall. Das liegt in der Sache selbst, und der Tod ist mitunter unerbittlich, warum sollte der Autor also beschönigen, was einfach eine Abscheulichkeit sondergleichen ist. Das System ist mit Fehlern versehen, und keine Chance ihm zu entfliehen, sollte man das Leben versuchen auszunutzen, damit mehr als reine Datenmengen überbleiben.


© 2003 - Nico S. Hansen