Kurzgeschichte von Sebastian J. P. Helm

Es war einer dieser sonnigen Mittwochnachmittage, als Richard in seinem Büro saß, auf die Scheibe seiner Bürotür starrte, wo der Name seines kleinen Unternehmens stand: "Richard Bower, Private Ermittlungen"; und darüber nachdachte, wie er sein Leben nur so verpfuschen konnte. Als Kind waren es die Filme, die genauso begannen, wie vor Stunden diese kleine Idylle, in der er sich gerade befand, mit dem Unterschied, daß der Detektiv nur dreißig Sekunden warten mußte bis eine zum erbrechen attraktive Frau hereinkam um ihm ihr Problem zu schildern. Scheiße! Das war vielleicht im Chicago der frühen Dreißiger möglich, aber nicht im New York der Neunziger. Das wußte er jetzt. Käme einer dieser Filme heute, würde er auf den Fernseher spucken, wenn er bis dahin wieder einen hätte. Den alten mußte er verpfänden, wie fast das gesamte Inventar seines Büros. Das einzige was noch drin stand war der Schreibtisch und ein wackeliger alter Kunstlederstuhl, auf dem er es sich Nacht für Nacht bequem machen mußte, weil er aus Geldgründen seine Wohnung aufgeben mußte. Und das mit der Frau war auch ein Ding der Unmöglichkeit, denn welche attraktive Frau würde sich wohl in die Gegend verirren, in der Harlem an die Bronx grenzt.

Bisher hatte er von seinen Ersparnissen gelebt, er wunderte sich, daß sie ganze zwei Jahre gehalten hatten. Natürlich hatte er sich auch nach einem anderen Job erkundigt, aber da sein nicht als fester Wohnort anerkannt wurde, wurde er nirgendwo eingestellt. Bisher hatte er nur einen Fall gehabt, der eigentlich gar keiner gewesen war. Hierbei hatte es sich um eine Gruppe besoffener Transvestiten gehandelt, die aus dem Schwulenclub unten an der Ecke geflogen waren und sich dann auf der Suche nach einem Taxi und noch mehr Alkohol in sein Büro verirrt hatten.

"Ich muß hier raus.", sprachs und ging von dannen. Wäre er auch nur eine Minute länger geblieben, hätte er die leeren Schubladen des Schreibtisches bis zum Überlaufen vollgekotzt. Er machte sich auf in Richtung Central Park, um dort vielleicht eine Vergewaltigung zu verhindern und von der Polizei oder dem Opfer vielleicht 50 Dollar zu bekommen, das ihm das Überleben für die nächsten 3-4 Tage sichern würde Vielleicht sollte er auch seine restlichen Habseligkeiten verscherbeln und als Penner sein Dasein fristen. Aber das erlaubte ihm sein Stolz nicht. Als 29-jähriger durch eigenes Verschulden auf der Straße leben, niemals.

Im Park war jede Menge los, wie es bei dem Wetter nicht anders zu erwarten gewesen war. Richard setzte sich auf eine Bank und beobachtete ein knutschendes Pärchen in der Nähe. Plötzlich stürzten zwei Polizisten mit entsicherten Pistolen aus dem Gebüsch, knieten neben der Bank und sahen sich um, dann nahm einer der beiden sein Funkgerät und machte Meldung. Richard saß da als wäre nichts gewesen und hörte mit, was es zu berichten gab. Vielleicht würde der anscheinend Flüchtige doch noch auftauchen und, beim Versuch die Polizisten zu erwischen, ihm eine Kugel in den Körper jagen.

"Hier Einheit 27, der Verdächtige ist nicht im nördlichen Teil des Parks, gehen weiter nach Süden, Over." Er steckte das Gerät wieder ein und wollte gehen.

"Hey, Officer, was ist denn los?" Eigentlich wollte Richard es gar nicht wissen, aber er bemerkte, daß es die Polizisten eilig hatten und wollte ihnen ein bißchen auf die Nerven gehen.

"Banküberfall, der Kerl hetzt uns schon seit heute Mittag quer durch New York. Das letzte mal haben wir ihn auf der 78 Richtung Norden gesehen. Auf einmal bog er in die 49 ein und war weg. Wir vermuten, er wollte und einmal umgehen und dann wieder nach Norden abhauen. Er hat nur eine Spielzeugkanone, wird aber trotzdem als gefährlich eingestuft. Entschuldigen Sie und bitte, wir müssen weiter, komm Larry."

"Ihnen auch einen guten Tag!", rief Richard, als die beiden Gesetzeshüter wegrannten. Er dachte ein wenig über das nach, was er mitbekommen hatte... und stutzte. Der letzte Sichtkontakt zwischen dem Bösen und den Guten war nur zwei Blocks von seinem Büro entfernt. "Wenn ich die gesamte New Yorker Polizei an meinen Versen kleben habe, habe ich zwei Möglichkeiten: 1. Ich ziehe eine Schleife und halte die Bullen für so blöd, daß sie wild geradeaus rennen und ich meine Ruhe habe, oder 2. Ich biege ein und verstecke mich in einem der heruntergekommenen, leeren Zimmer und lasse die Bullen einfach an mir vorbeirennen und warte bis Gras über die Sache gewachsen ist." Richard rannte zu seinem Büro. Er öffnete vorsichtig die Tür, mit einem Stuhlbein in der Hand, wie sie zu Hauff im Flur lagen. Es gab nur einen Platz, wo sich der Flüchtige hätte verstecken können: hinter dem Schreibtisch. Bingo, er sah ein Paar kauernder Turnschuhe unter dem Tisch.

"Keine Bewegung, ich bin Privatdetektiv und habe eine Waffe.", was für ein Scheiß dachte Richard.

"Mr. Bower nehme ich an."

"Richtig, und wer sind Sie?"

"Jemand der viel zu klug ist, als das er auf den Bluff mit der Waffe reinfällt.", er kam hinter dem Schreibtisch hervor und richtete eine Kanone auf ihn: "Weg mit dem Knüppel."

Richard fiel etwas ein. "Das ist genial.", dachte er und begann zu grinsen.

"Weg mit dem Knüppel hab ich gesagt."

"Hier hast Du Deinen Knüppel!", rief Richard, holte weit aus und schleuderte dem Unbekannten das Stuhlbein mit einer Wucht auf den Kopf, so daß dieser sofort zu Boden fiel. Richard ging zu ihm hinüber und besah ihn sich: Kein Blut am Kopf, nur eine fast die ganze Stirn füllende Beule. Dann bemerkte er den Rucksack, der noch unter dem Schreibtisch lag, er öffnete ihn leicht und sah das Geld. Er mußte wieder grinsen, dann lachte er laut. Anschließend schleppte er den Niedergeschlagenen in den Keller, drapierte ihn so, daß er aussah wie ein Penner im Koma, lief auf die Straße, den Rucksack fest umklammernd, und rief "Taxi". Als er ein freies entdeckt hatte, stieg er pfeifend ein und gab sein Ziel an:

"Zum Flughafen!"


© 1996 - Sebastian J. P. Helm