Experiment im See

Fritz, Stefan und Paul liefen, durch die dicht beinander stehenden Bäume hindurch, den steilen und unebenen Hang zum Seeufer hinab. Wie immer war der lauf durch den Wald sehr riskant. Nicht selten peitschte einem der Jungs ein Ast ins Gesicht, und wäre einer von ihnen gestolpert, hätte dies einen schweren Unfall zur Folge gehabt. Fritz war mit seinen dreizehn Jahren der älteste von den drei Jungs, was aber nicht der Grund dafür, daß die beiden zwölfjährigen ihn als Anführer akzeptierten. Er war es immer, der die besten Ideen hatte.

Paul hatte den See als erster erreicht und zog sich aus. Mit einem lauten Schrei stürzte er sich in das kühle Naß, als die anderen gerade den See erreichten, um sich ebenfalls auszuziehen und sich ins Wasser zu schmeißen.

Laut schreiend tobten die drei im Wasser herum. Paul hängte sich von hinten an Fritz und zog ihn unter Wasser. Prustend tauchte Fritz wieder auf und versuchte seinerseits Paul unter die Wasseroberfläche zu befördern, als Stefan von hinten an Fritz heran sprang und ihn wie Paul zuvor zu Boden riß.

Als Fritz wieder auftauchte hob er die Arme, um den anderen zu signalisieren, daß er eine Pause brauchte. "Hört mal!", rief er völlig außer Atem. "Was haltet Ihr von einer Mutprobe?"

Natürlich waren die anderen sofort dabei. Fritz schlug vor, sich gegenseitig unter Wasser zu drücken und dabei bis hundert zu zählen. "Prima Idee!", rief Paul und fing an tief Luft zu holen. Fritz packte ihn am Nacken und sagte, er solle ihn ins Bein zwicken, wenn er nicht mehr könne. Dann zählte er bis Drei und tauchte ihn ins Wasser.

Stefan blickte etwas skeptisch auf das Geschehen. So ganz geheuer schien ihm Fritz Idee nicht zu sein. Aber Fritz zählte zügig bis hundert und Paul tauchte, zwar ziemlich außer Atem, aber wohlerhalten wieder auf.

"So, Stefan, jetzt bist Du dran!", rief Fritz. Stefan zögerte ein wenig. Es war ihm mulmig im Bauch. Aber Fritz und Paul packten ihn schon. "Alles klar?", fragte Fritz. Stefan nickte. Die anderen sollten nicht merken, wie ihm zumute war.

Paul war es nun, der Stefan's Nacken packte und bis drei zählte. Dann wurde Stefan ins Wasser gedrückt. Er hatte es gerade noch geschaft Luft zu holen.

In Gedanken zählte Stefan mit und hoffte, daß Fritz genau so schnell zählte. Aber schon ziemlich schnell merkte er, wie ihm die Luft ausging. Halt durch, dachte er, obwohl Pauls Bein genau neben seiner Hand darauf zu warten schien gezwickt zu werden.

Als Fritz gerade bei achtzig angelangt war, wurde er von Paul unterbrochen. "Da stimmt was nicht.", rief er. Er ließ Stefan los, aber nichts passierte. "Scheiße, er ertrinkt!", schrie Fritz und griff hastig ins Wasser, um mit Paul zusammen den leblosen Stefan aus dem Wasser zu ziehen.

"Hilfe!", schrien die beiden, als sie Stefan an Land schleppten. Aber wer sollte sie hier hören? Spaziergänger waren auf dieser Seite des Sees nicht zu erwarten.

Es schien Stunden zu dauern, bis sie das Ufer erreichten. Sie legten Stefan in den Sand und begannen vorsichtig Stefan Backpfeifen zu verpassen. Paul legte seine Hand auf Stefans Brust. "Sein Herz klopft noch.", stellte er fest. "Aber er atmet nicht!", rief Fritz sichtlich erregt und verpasste Stefan eine leichte Ohrfeige.

"Geht mal zur Seite Jungs!", dröhnte plötzlich eine tiefe Stimme. Erschrocken blickten Fritz und Paul nach oben. Vor ihnen stand ein großer Mann, der in dem Dorf nur als der Einsiedler bekannt war. Es gab die wildesten Gerüchte über ihn. Angeblich sollte er mal einen kleinen Jungen umgebracht haben.

"Was starrt ihr mich so an? Soll ich Euch helfen oder nicht?" Ängstlich wichen die Jungs zurück und sahen zu, wie der Einsiedler sich über Stefan beugte und ihm den Mund zuhielt. Dann fing er an Stefan durch die Nase zu beatmen. Als er zum dritten mal ansetzen wollte Stefan neues Leben einzuhauchen, fing dieser an zu husten. Der Einsiedler hob Stefans Oberkörper hoch und Stefan fing an das Wasser auszuspucken, das ihm den Atem verschlagen hatte.

"Stefan! Alles klar?", rief Fritz aufgeregt. - "Laß ihn sich doch erstmal erholen.", sagte Paul. Der Einsiedler schien die beiden garnicht zu bemerken. Er patschte Stefan unsanft ins Gesicht und fragte ihn: "Bist Du wach?"

Stefan antwortete nicht. Stattdessen röchelte er und spie eine weitere Ladung Wasser aus. Dann fing er an um sich zu blicken und blieb dann mit seinen Augen auf dem Einsiedler hängen. "Alles in Ordnung?", fragte ihn dieser. Stefan nickte. "Danke!", sagte er. Der Einsiedler brummte und stand auf. Ohne ein weiteres Wort zu sagen drehte er sich um und ging.


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