Der Alte Mann

"Nein, leider nicht.", sagte Benjamin und ging zügig weiter. Er war so eben aus der U-Bahn gestiegen und die Treppe zum Jungfernstieg hochgegangen. Oben an der Treppe saß ein schäbig gekleideter, alter Mann, der schon lange nicht mehr mit Wasser und Seife in Berührung gekommen war. Dieser Mann hatte Benjamin gerade einen alten Pappbecher entgegengestreckt und ihn nach ein bißchen Kleingeld gefragt. Gelegentlich gab Benjamin diesen armen Menschen ein bißchen Geld oder kaufte ihnen etwas zu Essen. Aber heute hatte er es eilig, und er hatte keine Zeit sein Portemonnaie aus der Tasche zu kramen um dem alten Mann ein paar Groschen zu geben.

Heute sollte endlich das neue 3D-Spiel rauskommen, auf das er schon so lange gewartet hatte. Schon vor zwei Monaten hatte der Testbericht in der PC-Zeitschrift gestanden. Super Grafik, toller Sound, jede menge Action und knifflige Rätsel, hatte die Redaktion versprochen. Benjamin konnte es kaum erwarten endlich dieses Spiel auf seinem Computer auszuprobieren.

Hektisch schritt er durch das Menschengewühl in der Stadt. Irgendwie schienen ihm alle Leute den Weg zu versperren. Ständig mußte er von links nach rechts oder von rechts nach links hüpfen, damit er an den anderen Leuten vorbei kam. "Wieso", dachte Benjamin, "müssen all die Menschen zur selben Zeit hier sein." Es brachte ihn beinahe zur Weißglut, daß er nicht so schnell voran kam, wie er es gerne gewollt hätte. Fast rannte er eine Frau um, die gerade aus einem Schuhgeschäft kam, doch im letzten Moment gelang ihm ein Hüpfer zur Seite, so daß die Frau kopfschüttelnd mit einem kleinem Schreck davonkam. Endlich hatte er das Kaufhaus erreicht. Er drückte die Tür auf und hastete hindurch, ohne Rücksicht auf die folgenden Menschen zu nehmen, so daß sein Hintermann beinahe von der zurückfallenden Tür umgestoßen worden wäre. Er drängelte sich an den Grabbeltischen vorbei durch die Menschen, bis er zur Rolltreppe kam. Brav stellte er sich auf die Stufe und ließ sich nach oben fahren. Auf der Treppe war nicht an ein Durchkommen zu denken.

Nach scheinbar unendlich langer Zeit, war er doch endlich im dritten Stock angekommen. Zielsicher ging er zur Computerabteilung um dort das Spiel zu suchen. Aber er brauchte nicht wirklich suchen. Vor den Regalen mit den Spielen war ein großer Tisch aufgebaut, auf dem ein riesiger Berg aus dem Spiel aufgestapelt war. Achtzig Mark sollte es kosten, und Benjamin war mehr als bereit sein Taschengeld der letzten vier Wochen dafür auszugeben. Er griff sich eines der Pakete und guckte sich den buntbedruckten Karton an. Auf der Rückseite des Kartons waren Bilder von dem Spiel abgebildet. "Wahnsinn", dachte Benjamin und machte sich auf den Weg zur Kasse. Es waren fünf Leute vor ihm, und seine Geduld wurde mehr als überstrapaziert. Unruhig tippelte er von einem Fuß auf den anderen, bis er endlich an der Reihe war. Er gab dem Kassierer das Spiel und reichte sofort das Geld hinterher. Sofort als der Kassierer das Geld gezählt und in die Kasse getan hatte, schnappte er sich das Spiel und wollte losgehen, als der Kassierer ihn aufhielt und an den Kassenbon erinnerte. Mehr reflexartig als bewußt, griff Benjamin nach dem Bon und zog von dannen.

Nach wieder viel zu langer Zeit hatte er es geschafft wieder aus dem Kaufhaus zu kommen. Fast noch ungeduldiger als auf dem Hinweg, machte er sich auf den Weg zurück zur Bahn. Er mußte so schnell wie möglich nach Hause, damit er das Spiel in seinen Computer legen und es spielen konnte. Er drängelte sich zwischen den Leuten durch, hüpfte hin und her, damit er schneller an den anderen Menschen vorbeikam und wie auf dem Hinweg war es mehrmals nur Glück, daß er nicht jemanden über den Haufen rannte.

Als die U-Bahn in Sichtweite war, sah Benjamin einen Rettungswagen an dem Eingang stehen. Er fragte sich, was da wohl geschehen war. Er ging noch ein bißchen schneller, um es zu sehen, bevor der Rettungswagen wieder fortfahren würde. Als er am Eingang angekommen war schaute er neugierig, wen die Sanitäter da versorgten und sah gerade noch, wie sie eine Decke über den alten Mann zogen, der ihn vorhin um ein paar Groschen gebeten hatte.


© 2001 - Thies Rubarth