Gleis 10

Wie immer war ich viel zu früh. Ich tue mich immer ziemlich schwer damit, zu schätzen wie viel Zeit ein Weg in Anspruch nimmt, und wenn es darauf ankommt nicht zu spät zu kommen, bin ich eigentlich immer zu früh. Der Zug, mit dem ein Freund von mir aus Stuttgart kommen wollte, sollte um 17 Uhr und 35 Minuten in Hamburg eintreffen. Als ich am Hauptbahnhof ankam, war es zehn Minuten nach fünf. Ich suchte mir eine Bank und setzte mich, als mein Handy piepte. Eine SMS: “Hey man, ich habe den Zug verpasst. Komme einen Zug später!” Irgendwie hatte ich das gewusst. Also stellte ich mich auf eine zusätzliche Stunde warten ein. Ich überlegte in die Wandelhalle zu gehen, die Zeitschriftenläden zu durchstöbern und mir dann irgendeine Zeitschrift zu kaufen, die ich wahrscheinlich einmal schnell durchblättern würde um nach Photos von schönen Frauen zu suchen. Dann würde ich wahrscheinlich erst einen längeren Artikel ganz lesen, dann ein paar weitere anfangen, und schließlich das Lesen lassen und mich doch lieber meinen Tagträumen hingeben.

Ich blieb also sitzen und betrachtete das Treiben auf dem Bahnhof. Dann fuhr der Zug, in dem Tom ursprünglich sitzen sollte ein. Der Zug hielt an, und einige Türen gingen auf. Menschen stiegen aus. Ein geschäftlich gekleideter Mann mit einem kleinen Rollkoffer, ein älteres Ehepaar, mit zwei großen Koffern, ein junges Pärchen, beide mit großen schweren Rucksäcken und in Wanderklamotten und noch einige mehr. Besondere Aufmerksamkeit erregte bei mir allerdings eine junge Frau, die knapp zehn Meter von mir entfernt aus dem Zug stieg. Sie trug schwarze sportlich-elegante Schuhe und eine dunkelblaue Jeans mit Schlag. Dazu trug sie einen roten Strickpullover und über den Arm hatte sie eine schwarze Stoffjacke gelegt. Hinter sich zog sie einen leuchtend gelben Rollkoffer aus dem Zug. Sie ging ein paar Schritte hin zur Mitte des Bahnsteigs und blieb dann stehen, um sich suchend umzugucken.

Ihre Haare waren blond, gingen wahrscheinlich bis kurz unter die Schulterblätter und waren zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Mit ihren großen Augen, die ihre niedliche, vielleicht ein bisschen stuppsige Nase einrahmten, suchte sie nun den Bahnsteig ab, aber außer mir war offensichtlich niemand dort, der jemanden zu erwarten schien. Die anderen Menschen aus dem Zug waren bald verschwunden, und der Zug fuhr wieder ab. Wir waren allein auf dem Bahnsteig. Sie blickte hoch zur Anzeigentafel und stutzte. Dann nahm sie ihren Koffer und kam zögernd auf mich zu. Ich blickte ihr mit weit geöffneten Augen entgegen und merkte, dass ich nervös wurde.

“Sollte der Zug nicht an Gleis 10 ankommen?”, fragte sie mich, als sie neben der Bank, auf der ich saß, angekommen war. “Ich glaube nicht.“, sagte ich. “Gleis 10 ist nur ein Rangiergleis.“ - “Oh! Mein Freund wollte mich eigentlich hier abholen.“, erwiderte sie, und ein kleiner Blitz fuhr durch meinen Körper. War ja klar, dass so eine Frau schon vergeben ist, dachte ich bei mir. “Dann wird er sicher merken, dass es das Gleis nicht gibt und rauskriegen, wo er Dich finden kann.”, sagte ich ihr. Wie kann man so eine Frau nur warten lassen, dachte ich, der hätte doch eigentlich schon längst da sein müssen. Über ihr Gesicht fuhr ein flüchtiges Lächeln. “Ja, bestimmt.“

Sie setzte sich neben mich auf die Bank und blickte nach oben zu der Werbetafel unter dem Dach des Bahnhofs. Sie wirkte ziemlich beunruhigt. Ich wollte irgendetwas sagen, aber ich kam mir blöd vor. Was ging mich das schon an?

Nach einer Viertelstunde sagte sie: “Eigentlich müsste er langsam mal kommen.“ - “Ruf ihn doch mal an.”, erwiderte ich. “Ich hab' kein Handy.”, sagte sie nur. “Möchtest Du meins benutzen?”, bot ich ihr an. Sie nickte. Also zog ich mein Handy aus der Jacke, löste die Tastensperre und gab es ihr. Sie wählte die Nummer und lauschte in den Hörer. Nichts. “Darf ich es noch mal auf seinem Handy probieren?”, fragte sie schüchtern. “Klar!”, sagte ich nur und nickte. Ebenfalls ein Fehlversuch. “Nur die Mailbox.” - “Sprech' doch was drauf. Meine Nummer wird angezeigt, dann kann er Dich ja zurückrufen.”, forderte ich sie auf, und sie rief noch einmal an und hinterlies eine Nachricht.

“Dankeschön”, sagte sie und gab mir das Telefon zurück. “Ich bin übrigens Katja.” - “Ich bin Matthias.” - “Und auf wen wartest Du?” - “Auf einen Freund aus Stuttgart. Er wollte eigentlich mit Deinem Zug kommen, aber er hat ihn verpasst.” - “Aha.”, sagte sie und nickte bedächtig mit dem Kopf. “Ich komme mir ziemlich blöd vor.” - “Dein Freund sollte sich jetzt ziemlich blöd vorkommen.”, sagte ich. “Mmh. Wahrscheinlich schon.” Sie blickte hinunter auf ihre Füße. Eine zeitlang saßen wir nur so da, bis sie schließlich anfing mich zu fragen, was ich so mache, und wir erzählten uns so einiges über uns.

Katja war mit ihren 21 Jahren drei Jahre jünger als ich und stammte ursprünglich ebenfalls aus Hamburg. Seit zwei Jahren studierte sie in Konstanz Limnologie. Limnologie ist die Lehre vom Leben im Wasser. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, dass es so was gibt. Mit ihrem Freund war sie seit fünf Jahren zusammen, mehr wollte sie darüber nicht erzählen. Die Zeit verging für mich ziemlich schnell, aber von ihrem Freund gab es keine Spur.

Schließlich kam der Zug in dem Tom sitzen sollte, und er stieg auch tatsächlich aus. Ich stellte die beiden einander vor, und merkte an, dass ihr Freund vielleicht dachte, dass sie erst mit diesem Zug käme. Wir boten ihr an noch eine Weile mit ihr zu warten. Nach einer Viertelstunde meinte sie: “Das hat keinen Zweck mehr. Er hat's vergessen.” - “Wie kann man so was vergessen?”, fragte ich sie, aber sie zuckte nur mit den Schultern. “Lass uns doch einfach das Gepäck in Dein Auto packen und erst mal ins Café Wien gehen. Das ist schließlich gleich um die Ecke.”, schlug Tom vor. Ich fand ebenfalls, dass das eine gute Idee wäre, und auch Katja willigte ein.

Das Café Wien bestand aus einem alten Alsterdampfer und einem überdachten Schwimmponton, die am Ballindamm in der Binnenalster schwammen. Dort ließ es sich eigentlich immer gut aushalten. Wir tranken Milchkaffee und Tom erzählte was so in letzter Zeit in Stuttgart passiert war. Während ich ihm interessiert zuhörte starrte Katja nur auf die Fontäne in der Mitte der Alster. Verständlicher Weise war sie mit ihren Gedanken völlig woanders, bis endlich kurz vor zehn mein Telefon klingelte.

Natürlich war es ihr Freund. Ich gab Katja das Telefon und sie ging aus dem Café. Nach zehn Minuten kam sie zurück. Man konnte deutlich sehen, dass sie geweint hatte. “Ich fahr sofort zurück.”, sagte sie, und man merkte, dass es ihr schwer fiel, nicht in Tränen auszubrechen. Es war wohl überflüssig zu fragen was los sei. Ich bezahlte die Rechnung und wir gingen zum Wagen, um ihr Gepäck zu holen. Es war auch irgendwie selbstverständlich, dass wir sie zum Fahrkartenschalter begleiteten um zu sehen, ob sie an dem Tag noch ein Zug bekommen würde. Und tatsächlich fuhr noch ein Zug um 23 Uhr und fünf Minuten direkt nach Konstanz. Allerdings fehlten Katja zwanzig Euro für die Fahrkarte. Eigentlich wollte ihr Freund, die Rückfahrt bezahlen. “Kannst Du mir die zwanzig Euro leihen?”, fragte sie mich. “Ich überweis Dir das Geld dann. Ich kann Dir auch meinen Perso als Sicherheit hier lassen.” - “Kein Problem!”, sagte ich und gab ihr das Geld, und obwohl ich nicht darauf bestand, gab sie mir ihren Personalausweis.

Wir warteten dann noch mit ihr zusammen auf den Zug. Wir redeten aber kaum. Katja starrte die ganze Zeit in die Luft, und man merkte, dass sie schwer gegen ihre Tränen kämpfen musste. Als der Zug schließlich kam, drehte sie sich zu mir und versuchte zu lächeln. “Danke für alles!”, sagte Sie und umarmte mich. Nun konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie ließ mich los, wischte sich mit dem Arm übers Gesicht und gab Tom die Hand: “Dankeschön.” Dann nahm sie ihren Koffer und verschwand im Zug. Kurz danach tauchte sie dann am Fenster wieder auf. Sie versuchte zu lächeln, aber sie konnte nur noch weinen. Der Schaffner pfiff, die Türen gingen zu, und der Zug fuhr los. Wir winkten noch, bis wir Katja nicht mehr sehen konnten.

Ich blickte auf ihren Personalausweis, den ich noch in der Hand hielt und sagte zu Tom: “Ich hätte mir vielleicht noch ihre Telefonnummer geben lassen sollen.” - “Ach, sie wird dir das Geld bestimmt sofort überweisen.” - “Das Geld ist mir doch scheißegal!”, fuhr ich ihn an und erschrak selbst über meine heftige Reaktion. Ich entschuldigte mich sofort. “Ist schon gut.”, sagte er und lächelte wissend. Ich hatte mich verliebt.


© 2003 - Thies Rubarth