Der Zug

Die Zeit läuft weiter, und ich sitze hier, und mache nichts. Ich denke ich bleibe stehen, aber das stimmt nicht, denn wenn die Zeit weiterläuft, während ich stehen bleibe, dann zieht sie an mir vorbei und ich bleibe zurück. Ich mache also nichts und gehe damit zurück, denn wenn ich stehen bleibe bin ich morgen da wo ich heute war, und heute bin ich dort wo ich gestern war.

Wenn einem das erst mal klar geworden ist, dann kommt einem das Leben gleich doppelt so schwierig vor. Denn es kommt darauf an vorwärts zu gehen. Aber ich – ich schaffe es noch nicht einmal Schritt zu halten. Es ist als stünde ich auf einem Bahnsteig. Es kommt ein Zug. Aber ich steige nicht ein. Es kommt noch ein Zug, aber ich bleibe auf dem Bahnsteig, setze mich auf eine Bank und mache – nichts.

Mit dem einen Zug fahre ich nicht mit, weil er mir nicht gefällt. Er ist schmutzig und komische Menschen sitzen drinnen. Der nächste Zug ist proppenvoll, und ich denke mir, da kommt ja bald ein anderer. Der andere Zug kommt, aber ich weiß nicht wo er hinfährt. Ich möchte gern einen schönen Zug, in dem ein paar wenige nette Menschen sitzen, und ich möchte wissen, wo es hingeht. Ist das zuviel verlangt?

Und so kommt ein Zug nach dem anderen. Manche sind hässlich. Manche sind zu voll. Manche scheinen perfekt, aber ich weiß nicht wo sie hinfahren. Aber kann es so schlimm sein, wo sie hinfahren? Und ist nicht auch die Reise an einen öden Ort in einem schönen Zug besser als die Reise ins Paradies mit einem entsetzlichen Zug?

„Fahren sie nicht mit?“, fragt mich auf einmal eine Stimme, als wieder ein schöner Zug mit unbekanntem Ziel am Bahnsteig hält. Ich blicke nach oben. Vor der Bank, auf der ich sitze, steht eine schöne Frau, die mich anlächelt. „Ist das nicht Ihr Zug?“, fragt sie mich. „Doch!“, sage ich plötzlich. „Genau auf den habe ich die ganze Zeit gewartet.“


© 2006 - Thies Rubarth