Wilhelm Genazino - Ein Regenschirm für diesen Tag

Ein Regenschirm für diesen Tag

Von seiner Freundin verlassen wandelt der Erzähler dieses Romans durch sein Leben, ohne zu wissen, ob er sein Leben eigentlich möchte. Er vergleicht sein Leben mit Gestrüp oder Geröll und ärgert sich insgeheim darüber, daß er nie danach gefragt wurde. Seinen zahlreichen alten Freundinnen erzählt er nichts von seinem Frust, der Lisa dazu veranlaßte ihn zu verlassen. Seine Verdienstquelle, das Testen von Luxusschuhen, versiegt fast ganz, als sein Honorar von 250,- DM auf 50,- DM gekürzt wird, und die Antwort auf die Frage, ob er sein Leben eigentlich möchte, steht noch aus.

Hier die ersten Sätze als Leseprobe:

Zwei Schüler stehen vor einer Litfaß-Säule und spucken auf ein Plakat. Dann lachen sie über die Spucke, die die Litfaß-Säule herunterrinnt. Ich gehe ein wenig schneller; früher war ich solchen Vorkommnissen gegenüber viel duldsamer. Ich bedaure, dass ich neuerdings so schnell abgestoßen bin. Wieder fliegen ein paar Schwalben durch die Fußgänger-Unterführung. Sie stürzen die U-Bahn-Station hinab und stoßen acht oder neun Sekunden später durch den gegenüberliegenden Ausgang wieder nach oben. Ich würde gerne selber die Fußgänger-Unterführung durchqueren und mich dabei seitlich von den rasenden Schwalben überholen lassen. Aber diesen Fehler darf ich nicht noch einmal machen. Vor zwei Wochen habe ich diese Unterführung zum letzten Mal benutzt. Die Schwalben flitzten an mir vorüber, es dauerte leider nur zwei oder drei Sekunden. Dann entdeckte ich die nassen Tauben, die ich zunächst nicht gesehen hatte. Sie saßen zusammengedrängt in einer dunklen Ecke. Zwei am Boden liegende Obdachlose versuchten, mit den Tauben Kontakt aufzunehmen. Weil die Vögel auf ihre Laute und Gesten nicht reagierten, verhöhnten die Obdachlosen die Tiere. Kurz danach sah ich auf meiner rechten Schuhspitze einen eingetrockneten Ketchup-Fleck. Ich wusste nicht, wie der Fleck dorthin geraten war, ich wusste nicht einmal, wie es möglich war, dass ich erst jetzt auf ihn aufmerksam wurde. Nie mehr gehst du durch diese Unterführung, sagte ich unernst zu mir selber. Auf der anderen Seite der Unterführung sehe ich Gunhild. Ich fürchte mich ein wenig vor Frauen, die Gunhild, Gerhild, Mechthild oder Brunhild heißen. ...